Das Internet bietet Zugang zu Informationen aus allen erdenklichen Bereichen des Alltags, der Wissenschaft, der Schule, Beruf und vielen anderen Themen. Vor allem aber bietet es auch die Möglichkeit der verteilten, weltweiten Kommunikation, unabhängig vom aktuellen Standort oder Zeitpunkt der Beteiligten. Das Internet macht möglichst vielen Anwendern Informationen unkompliziert zugänglich. Diese sollen einfach nutzbar und ansprechend dargestellt werden und das auch über die Grenzen von Rechnerplattformen hinweg [
2].
Es gibt aber eine nicht geringe Anzahl an Benutzergruppen, die aus den verschiedensten Gründen Probleme beim Zugang zu Informationen aus dem Internet haben. Dabei ist das Internet mittlerweile ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Teilhabe, der Gleichstellung und Selbstbestimmung und somit sollte es jedem Besucher möglich sein, dieses grundsätzlich ohne Hilfe nutzen zu können. Insbesondere ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen stoßen aufgrund ihrer Bedürfnisse und speziellen Einschränkungen auf Barrieren, die ihnen den Zugang zum Internet und die Nutzung der Angebote erschweren oder sogar verwehren. Dies betrifft vor allem die Navigation und Lesbarkeit der angebotenen Inhalte.
In Deutschland leben immerhin über 8 Millionen behinderte Menschen, von denen ca. 6,6 Millionen als schwerbehindert eingestuft werden. Eine Umfrage hat ergeben, dass rund 80% dieser Menschen das Internet benutzen, im Gegensatz zum Durchschnitt der Bevölkerung, von denen ca. 42% regelmäßig das Internet nutzen. Besonders bei den blinden und sehbehinderten, bewegungseingeschränkten und chronisch kranken Mitmenschen ist die Nutzung und Akzeptanz dieses Mediums überdurchschnittlich [
55]. Des Weiteren muss auch die größer werdende Anzahl der älteren Menschen berücksichtigt werden, damit nicht ein großer Teil der Bevölkerung aus diesem Bereich der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Die Probleme, auf die bestimmte Nutzergruppen im Internet stoßen, sollen Thema dieser Arbeit sein.
In diesem Großen Beleg wird ein kontextsensitives Rangschema der in der deutschsprachigen Mailing-Liste der W3C (World Wide Web Consortium) Web Accessibility Initiative (WAI) angesprochenen und diskutierten aktuellen Probleme der Web Accessibility erarbeitet und für einige ausgewählte Probleme Lösungen diskutiert. Kontextsensitiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sowohl die Anwendungs-kontexte, also z.B. im schulischen oder beruflichen Umfeld, in denen die Probleme für Betroffene auftreten, als auch die Rollen im Prozess des Web-Publishing in Beziehung gesetzt werden, die das Problem sozusagen verursachen, also z.B. der Autor der Inhalte oder der Designer der Oberflächen.
Im Vorfeld der Analyse der Mailing-Liste wird der Begriff "Accessibility", zu deutsch Zugänglichkeit oder Barrierefreiheit, als Teil der Software- Ergonomie erklärt und ein Vergleich der Web Content Accessibility Guidelines 1.0 und 2.0 vorgenommen. Hierbei ist zu beachten, dass diese Dokumente eine unterschiedliche Struktur aufweisen und unterschiedlich gehandhabt werden sollen. Außerdem liegt die Version 2.0 nur in einer bisher unvollständigen Arbeitsversion vor, die noch dem Änderungsprozess unterliegt und daher zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell vom W3C verifiziert wurde. Die beiden Richtlinien des W3Cs und die deutschsprachige Web Accessibility Mailing-Liste werden als Grundlage für die Entwicklung des Rangschemas genutzt. Im Vorfeld wird dazu außerdem der Charakter von Mailing-Listen und deren Probleme diskutiert, um Aussagen über den Wert solcher Listen treffen zu können.
Für die Erstellung des Rangschemas wird die sehr umfangreiche Mailing-Liste analysiert und in grobe Teilbereiche untergliedert, die sozusagen die Hauptproblemfelder repräsentieren. Diese wiederum beinhalten Gruppen von Einzelproblemen, welche in das Rangschema eingeordnet werden sollen. Hierbei ist besonders zu beachten, dass die vorliegende Mailing-Liste nur ein gefiltertes Abbild der Realität bietet, weil sich hauptsächlich blinde und sehbehinderte Internetnutzer aktiv beteiligen und die Probleme diskutiert werden, auf die sie stoßen. Es gibt aber auch noch viele andere Arten von Behinderungen, die es bei der Konzeption und Realisierung eines barrierefreien Web-Auftritts zu berücksichtigen gilt. Die Barrieren, mit denen beispielsweise Hörbehinderte konfrontiert werden, sind selten einbezogen und in der Mailing-Liste nicht oder nur kurz angesprochen.
Eine Herausforderung bei der Erstellung des Rangschemas wird zuerst in der Erkennung der Probleme und dann in der Zuordnung der identifizierten Probleme zu einem bestimmten Nutzungskontext und zu der Rolle liegen, die das Problem verursacht oder beseitigen kann. Ein weiterer Augenmerk dieser Arbeit liegt darin, anhand der in der Mailing-Liste diskutierten Probleme, Ursachen für aktuelle Mängel in der Gewährleistung barrierefreier Web-Auftritte zu finden und Möglichkeiten für deren Überwindbarkeit aufzuzeigen. Die meisten Mängel entstehen durch fehlende Qualifikationen bei den Mitwirkenden im Prozess der Erstellung von Web-Sites und deshalb soll auch speziell auf rollenspezifische Anforderungen an Qualifikationen eingegangen werden. Das Hauptproblem auf allen Ebenen ist das mangelnde Bewusstsein für die Barrieren, auf die beeinträchtigte Menschen treffen. Viele können sich noch nicht einmal vorstellen, wie beispielsweise Blinde den Computer nutzen können oder das Hörbehinderte oft auch Probleme in der Sprachkompetenz haben und deshalb Unterstützung für das Verständnis der angebotenen Informationen benötigen.
In einem anderen Teil dieser Arbeit werden Bezüge zu den aktuellen XML-Technologien hervorgehoben, denn mit deren qualifiziertem Einsatz werden schon die Grundlagen für die erste, einfache Umsetzung der Barrierefreiheit geschaffen. Die saubere Trennung von Inhalt und Präsentation ist eine der Vorzüge von XML und den dazugehörigen Techniken, deshalb können diese gerade für die Erstellung barrierefreier Web-Sites eingesetzt werden. Das W3C bietet in diesem Feld sogar Zugänglichkeitsrichtlinien für den Einsatz von XML an, die XML Accessibility Guidelines (XAG, [
35]), auf die ebenfalls kurz eingegangen werden soll.
Für den Abschluss der Arbeit wird ein Teil des entwickelten Rangschemas auf eine Web-Site aus dem Bereich "Studium und Behinderung" angewendet und diese diesbezüglich bewertet. Dabei zeigen sich noch verschiedene Handlungswege, denn die Frage wird sein, wie ein so entwickeltes Rangschema von Problemen auf einen Web-Auftritt anzuwenden ist. Vorstellbar ist hier, die bestehenden Probleme aufzufinden und deren Ursache sowie Vorschläge für deren Beseitigung oder Verbesserung zu suchen. Des Weiteren ist der Umfang der Evaluation noch genauer zu bestimmen, da zum Bereich der Zugänglichkeit (Accessibility) als Teilgebiet der Gebrauchstauglichkeit (Usability) der Grad der Gebrauchstauglichkeit eine wesentliche Rolle spielt und auch dieser nicht allein durch automatisierte Testverfahren festgestellt werden kann. Auch sind die Fähigkeiten und Einschränkungen der Nutzer sehr differenziert zu betrachten, denn was dem einen Besucher die Informationsaufnahme und Interaktion erleichtert, kann für einen anderen zu einer Barriere werden.
Die Autorin möchte sich an dieser Stelle recht herzlich bei dem betreuenden Hochschullehrer Prof. Dr. Wünschmann für die offene Kritik und die praktischen Ratschläge während der Bearbeitung des Themas bedanken. Ein besonderer Dank gebührt den aktiven Mitgliedern der untersuchten Mailing-Liste für die breitgefächerten und kompetenten Diskussionen zu den verschiedensten Themen der Web-Accessibility, denn ohne diese Beteiligten wäre die Suche und Untersuchung der Probleme in diesem Feld nicht so ergiebig und differenziert verlaufen. Bedanken möchte sich die Autorin auch bei den Test- und Korrekturlesern der Arbeit und deren konstruktiven Kritiken und Hinweisen.
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