Barrierefreies Webdesign ein zugängliches und nutzbares Internet gestalten

Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung geschrieben von Karsten Warnke (2004)

Entstehung der BITV

Die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) ist die Grundlage für das barrierefreie Webdesign in Deutschland und die verbindliche Rechtsverordnung zu § 11 Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes (BGG). Die BITV enthält Anforderungen zur barrierefreien Gestaltung insbesondere von Webseiten der Bundesbehörden. Dass diese Rechtsverordnung viele Jahre politischer Vorarbeit benötigte, ist sicher nicht jedem klar. Die Entstehung der BITV benötigte sechs Jahre Vorlauf und ist das Ergebnis der ehrenamtlichen Arbeit von Mitgliedern der Blinden- und Sehbehindertenverbände in Deutschland.

Die ehrenamtliche Arbeit

Bereits im Jahr 1996 — im ausklingenden DOS-Zeitalter und Blütezeit der Textbrowser — setzte sich zum ersten Mal die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe mit den Folgen der Informationsgesellschaft auseinander. Die Chancen und Risiken abwägend, war und ist vor allem eines klar: die Zielsetzung ist die selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben und ein barrierefreier Zugang zu allen Medien.

Die vielfältigen Aktivitäten der Blinden- und Sehbehindertenverbände blieben nicht ohne Erfolg. Vermehrt wurden sie gefragt, wie Internetseiten blindengerecht gestaltet werden können. Die Antwort kam in Form von eigenen Extern: Mindestanforderungen zur Gestaltung von Webseiten. Mindestanforderungen waren seinerzeit auch notwendig, denn bereits bestehende Richtlinien waren sehr umfangreich und — zumindest auf den ersten Blick — eher unübersichtlich und abschreckend.

Ehrenamtlich konnte allerdings auf den wachsenden Beratungsbedarf nicht professionell genug eingegangen werden. Erst mit dem Selbsthilfeprojekt Extern: Barrierefrei Informieren und Kommunizieren (BIK) konnte schließlich im Jahr 2001 eine professionelle Umgebung für eine adäquate Beratung und weitere Dienstleistungen geschaffen werden.

Seit 1997 engagieren sich über 100 Behindertenorganisationen in der Extern: Aktion Grundgesetz für die rechtliche Gleichstellung von behinderten Menschen. Ein Meilenstein auf diesem Weg ist das Behindertengleichstellungsgesetz.

Die ersten Schritte

In einem Entwurf zu einem Behindertengleichstellungsgesetz des Forums behinderter Juristinnen und Juristen wurden erstmals die Forderungen der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe nach gesetzlichen Vorgaben für die Zugänglichkeit von Telediensten aufgenommen. Hierzu verfasste der Arbeitskreis Multimedia des DVBS einen eigenen Gesetzesentwurf. Am 8. Januar 2000 stellte das Forum behinderter Juristinnen und Juristen den ersten Entwurf eines Gleichstellungsgesetzes vor.

Am 20./21. Oktober 2000 fand der Kongress Extern: Gleichstellungsgesetze jetzt! statt. Gefordert wurden Gleichstellungsgesetze in Bund und Ländern. Der Erfolg des Kongresses war, dass das Bundeskanzleramt im Dezember 2000 dem Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMA) die Federführung bei der Vorbereitung eines Gleichstellungsgesetzes übertrug.

In einer Projektgruppe des BMA werden Vertreter des Forums behinderter Juristinnen und Juristen in die Erarbeitung des Gesetzesentwurfs einbezogen.

Am 31. August 2001 stellten die Parlamentarische Staatssekretärin beim BMA, Ulrike Mascher, die Mitglieder des Forums Behinderter Juristinnen und Juristen, Horst Frehe und Dr. Andreas Jürgens sowie der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Behinderten, Karl Hermann Haack, gemeinsam einen Referentenentwurf auf der Bundespressekonferenz vor. Am 28. Februar 2002 wurde das Behindertengleichstellungsgesetz im Bundestag verabschiedet.

Auch im Entstehungsprozess der BITV wurden Experten aus den Behindertenverbänden auf Referentenebene hinzugezogen. Die Frage, welche Anforderungen einer Rechtsverordnung zugrunde zu legen sind, wurde von den Verbänden mit einem Eckpunktepapier beantwortet. Es bestand Einigkeit darin, dass mit den Web Content Accessibility Guidelines 1.0 (WCAG) des World Wide Web Consortiums (W3C) bereits anwendbare Richtlinien vorlagen, die Basis für eine Rechtsverordnung werden sollten.

Die endgültige Fassung der BITV entspricht — wie auch in der Begründung zur Verordnung nachzulesen ist — dem damaligen Eckpunktepapier der Behindertenverbände.

Einbeziehung der Nutzergruppen

Dem Eckpunktepapier vorausgegangen war eine Abfrage bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte, inwieweit die Anwendung der WCAG den praktischen Bedürfnissen behinderter Menschen entsprechen. Ergänzend wurden Tests mit Computerhilfsmitteln für blinde und sehbehinderte Internetnutzer durchgeführt. Die Ergebnisse bestätigten, dass der Zugang zum Web mit Screenreadern und Vergrößerungssystemen nur bei Einhaltung der WCAG möglich ist. Darüber hinaus wurde festgestellt, welche der Anforderungen auf jeden Fall einzuhalten sind, damit überhaupt ein Zugang gewährleistet wird. An den technischen Voraussetzungen auf Nutzerseite hat sich seit dem nichts Entscheidendes geändert.

Nutzerorientierte Prioritätensetzung

Die Befragungsergebnisse der Verbände sind u.a. Grundlage für die — im Vergleich zur WCAG — veränderte Prioritätensetzung der BITV-Bedingungen. Es sollte sichergestellt werden, dass der Zugang zum Web für Menschen mit Behinderungen grundsätzlich uneingeschränkt hergestellt werden kann.

Die Prioritätensetzung innerhalb der BITV folgt der praktischen Erkenntnis, dass sich bei allen Unterschieden zwischen den Behinderungsbildern im Wesentlichen zwei behinderte Nutzergruppen unterscheiden lassen.

Für die Prioritätenbildung innerhalb der BITV wurde folgende Formel gefunden:

  1. Angebote, die die unter Priorität I genannten Anforderungen und Bedingungen der BITV erfüllen, würden bei den WCAG 1.0 des W3C die Konformität AA erreichen.
  2. Angebote, die die Prioritäten I und II erfüllen, würden nach den WCAG 1.0 die Konformität AAA erreichen.
  3. Dabei sind die Bedingungen mit der Priorität I zwingend einzuhalten, die Bedingungen der Priorität II sind zusätzlich bei zentralen Navigations- und Einstiegsangeboten einzuhalten.

    Fazit

    Die Bundesregierung ist mit dem Erlass der BITV nicht nur den praktischen Bedürfnissen behinderter Menschen gefolgt, sondern auch den Empfehlungen der Europäischen Kommission, die WCAG mindestens mit der ersten der drei Konformitätsstufen, besser jedoch mit den allen Stufen zu übernehmen.