ja Interview zum Buch "Barrierefreies Webdesign — Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen" - [barrierefreies-webdesign.de]

Barrierefreies Webdesign ein zugängliches und nutzbares Internet gestalten

Barrierefreies Webdesign — Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen

Cover: 'Barrierefreies Webdesign — Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen' von Jan Eric Hellbusch Extern: "Barrierefreies Webdesign — Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen" bei amazon.de

Dieses Interview für Extern: BAUM aktiv wurde von Karin Cana anlässlich des Erscheinens von Intern: Barrierefreies Webdesign — Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen geführt. Die Audiofassung steht hier vollständig zur Verfügung; bei der nachstehenden Abschrift handelt es sich um eine gekürzte Fassung.

Das Interview wurde am 28. September 2004 in Gießen geführt.

Vollständiges Interview als Audio

Es steht eine Audioversion des Interviews zur Verfügung.

Audio: Interview mit Jan Eric Hellbusch zum Erscheinen von "Barrierefreies Webdesign" (9.3 MB)

Gekürzte Abschrift des Interviews

KC: Herr Hellbusch. Wie kommt man als Diplom-Kaufmann dazu ein Buch über barrierefreies Webdesign zu verfassen?
JEH: Ich selbst bin sehbehindert. Nach meinem Studium habe ich die ersten Probleme mit der Sehbehinderung bekommen. Bei meinem ersten Job habe ich festgestellt, dass ich am Bildschirm nicht alles lesen konnte und habe angefangen mich mit der Barrierefreiheit am Bildschirm zu befassen. Außerdem habe ich mich bereits als Jugendlicher für den Computer und die Programmierung interessiert.
Im Jahr 2001 arbeitete ich in einer Internetabteilung, in welcher ich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Hier nutzte ich die Gelegenheit, mich mit dem Thema noch intensiver zu beschäftigen und verfasste einige Artikel zum Thema Barrierefreiheit. Im Mai 2001 habe ich dem KnowWare-Verlag vorgeschlagen die Thematik "Barrierefreies Webdesign" in das Programm aufzunehmen. Der Verlag war gleich damit einverstanden.
KC: Haben Sie die HTML-Sprache autodidaktisch erlernt?
JEH: Ja genau. Schon bei meinem ersten Job hatte ich u.a. die Aufgabe die erste Webseite für die Fakultät der Universität, bei welcher ich arbeitete, zu gestalten. HTML ist von der Grundstruktur her nicht besonders kompliziert. Die erste Seite war sicherlich nicht 100%ig barrierefrei; aber sie war einfach und auch bedienbar.
Durch das Bearbeiten des KnowWare-Heftes habe ich mich dann erstmalig sehr intensiv mit der HTML Programmierung beschäftigt - und auch mit CSS.
KC: Was ist in diesem Zusammenhang CSS?
JEH: HTML ist die Strukturierung von Inhalten. CSS steht für Cascading Style Sheets und ist vergleichbar mit einer Formatvorlage.
KC: Das Buch haben Sie sozusagen nebenher geschrieben. Hauptberuflich sind Sie an diversen Projekten engagiert. Was für Projekte sind das?
JEH: Das ist vor allem das Projekt "Barrierefrei informieren und kommunizieren" (BIK). Dort bin ich Berater für Agenturen und Behörden. Ich berate in Richtung barrierefreies Webdesign. Wir testen Seiten. Dafür haben wir ein Testverfahren, den BITV-Test entwickelt. Der Test wurde im letzten Jahr fertiggestellt. Darüber hinaus machen wir Beratungen jeder Art - bis hin zu Workshops und Präsentationen.
KC: Es wenden sich also öffentliche Einrichtungen und Unternehmen an Sie, die ein Interesse daran haben ihre Seiten barrierefrei zu gestalten.
JEH: Auch. Es sind aber vor allem die Agenturen, die sich an uns wenden. Die öffentliche Hand fragt zwar auch unsere Dienstleistungen nach, aber angesichts der Gesetzeslage, viel zu wenig wie ich meine. Das bezieht sich vor allem auf die Bundesverwaltung. Da läuft aus unserer Sicht die Umsetzung der BITV relativ schleppend.
KC: Woran könnte das liegen, dass die Thematik in den öffentlichen Einrichtungen so schleppend vorangeht?
JEH: Es ist schwer zu sagen. Auf der einen Seite ist die Barrierefreiheit als solche ein Prozess. Man muss sich mit dem Thema befassen und es sich Stück für Stück erarbeiten. Es ist nicht an einem Tag geschafft, die Barrierefreiheit umzusetzen. Natürlich können bestimmte Aspekte schnell gelernt werden, und bestimmte Verantwortliche innerhalb eines Prozesses können kleine Stückchen der Barrierefreiheit in die Webauftritte einbauen. Aber auf der anderen Seite fehlt es auch an rechtlichen Konsequenzen, so dass auch mit Fristen (die Ende 2005 auslaufen) noch nicht klar ist, was passiert, wenn bis dahin die Barrierefreiheit nicht umgesetzt wurde. Die Thematik ist nicht bedrohlich für die Verantwortlichen.
KC: Hat die Nachfrage nach barrierefreier Webseitengestaltung zugenommen?
JEH: Auf jeden Fall. Wir alle können uns vor Arbeit nicht retten. Wir sind insgesamt sieben Berater, verteilt auf verschiedene Träger. BIK wird von den Landesverbänden des DBSV und vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf getragen - ich selbst bin in Marburg beim DVBS - andere sind z.B. in München, Berlin, Hamburg Frankfurt und Hannover. Als ich vor zwei Jahren anfing, konnte ich mich in aller Ruhe mit dem Thema Webprogrammierung auseinandersetzen. Heute ist es so, dass ich jeden Tag zwischen 10 und 20 Anrufe oder E-Mail-Anfragen bekomme.
KC: In dem Buch "Barrierefreies Webdesign" haben Sie das Thema wesentlich weiterentwickelt. Es umfasst 390 Seiten. Um was geht es da genau?
JEH: Der Arbeitstitel des Buches war "Umsetzung der BITV". Ich hatte mir als Ziel gesetzt alle Bedingungen der BITV zu erläutern und ggf. auch Beispiele zu geben.
Im Vergleich zum KnowWare-Heft aus dem Jahr 2001 wollte ich es inhaltlich erweitern und mit Bildern bestücken. Thematisch geht es auch sehr viel weiter. Damals in 2001 ging es mir vor allem um HTML- und CSS-Techniken. Heute, in dem neuen Buch, geht es weit darüber hinaus: auch um Flash, PDF u.v.m. Wir haben erstmals in deutscher Sprache einen großen Abschnitt zum Thema grafische Programmoberflächen, die ebenfalls in der BITV geregelt sind; also dass z.B. Desktopanwendungen barrierefrei zu gestalten sind. Da ich mich in einigen Themenbereichen nicht so gut auskenne habe ich ein Autorenteam zusammengestellt: es besteht aus 15 Autoren, die einzelne Kapitel bearbeiten.
Die Thematik ist nun viel strukturierter als im KnowWare-Heft: So sind z.B. die klassischen Webtechniken in 7 Themenbereiche gegliedert und nicht wie damals im KnowWare-Heft in 14 Kapitel. Dieser Aufbau ermöglicht es die verschiedenen Aspekte der Barrierefreiheit in einem Prozess zu integrieren.
KC: Was muss man als Webdesigner besonders beachten, wenn man Internetseiten erstellen will, die für blinde und sehbehinderte Menschen lesbar sein sollen?
JEH: Es gibt in der BITV 66 Bedingungen. Davon lassen sich viele auch auf die Nutzbarkeit von Webseiten für blinde und sehbehinderte Internetnutzer übertragen. Ich habe in den sieben erwähnten Abschnitten, vier Abschnitte der Zugänglichkeit für Blinde und Sehbehinderte gewidmet, weil die Wahrnehmbarkeit am Bildschirm bzw. mit alternativen Medien vieles andere erst ermöglicht. Wer z.B. den Bildschirminhalt nicht wahrnehmen kann, hat keine Chance die Inhalte zu verstehen.
Es gibt vier Prinzipien bei der Gestaltung von Webseiten, die man beachten sollte: das sind Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit der Technik.
Und was Blinde und Sehbehinderte angeht, habe ich zunächst mal den Punkt "Texthinterlegung" zu beachten: alles was nicht Text ist, muss als Text vorhanden sein; das ist vor allem für Screenreader wichtig, weil Screenreader von Natur aus mit dem Inhalt eines Bildes oder sogar eines Filmes wenig anfangen können - das überträgt sich natürlich auch für Gehörlose, die mit Audioinhalten nichts anfangen können.
Was die Nutzung von Screenreadern angeht, gibt es auch einen Abschnitt der nennt sich "Linearisierbarkeit und Layout": Da geht es vor allem darum, dass ein zweidimensionales Design so gestaltet sein muss, dass es im eindimensionalen Medium, wie einem Screenreader, immer noch nutzbar ist.
Es gibt aber auch für Sehbehinderte zwei Kapitel. Das sind zum einen das Kapitel "Kontraste, Farben und Schriftbild". Hier geht es darum, dass Grafiken kontrastreich gestaltet werden müssen, weil diese durch Benutzereinstellungen nicht verändert werden können. Es geht auch um Informationen, die über Farbe vermittelt werden.
Das vierte Kapitel ist "Skalierbarkeit" und bedeutet, dass sich sowohl die Schrift an den Bedürfnissen des Benutzers anpassen können muss; als auch das Layout. Viele Sehbehinderte stellen eine sehr geringe Bildschirmauflösung ein. Das ist auch klar: bevor man zu sehr vergrößert und dementsprechend nur mit einem kleinen Ausschnitt arbeiten kann, versucht man zunächst mit einer geringen Bildschirmauflösung Inhalte zu vergrößern. Erst wenn ein Layout skalierbar ist, ist diese Methode auch im Web anwendbar.
KC: Herr Hellbusch, kann man sagen, dass eine für Blinde lesbare Internetseite auch gleichzeitig für Sehbehinderte lesbar ist?
JEH: Auf keinen Fall. Die Bedürfnisse von blinden Nutzern sind anders als die Bedürfnisse sehbehinderter Nutzer. Und übrigens auch von allen anderen Nutzergruppen. Bei der Barrierefreiheit geht es nicht nur um Blinde und Sehbehinderte - es geht auch um Mobilitätsbehinderte, Gehörlose, Schwerhörige und Menschen, die Schwierigkeiten mit der Sprache haben. Das können Legastheniker sein, aber auch ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie Lernbehinderte. Die Anforderungen sind also sehr vielfältig. Wenn die Anforderungen für blinde Nutzer umgesetzt sind, ist in der Regel nur diese eine Nutzergruppe bedient.
KC: Wenn Sie zurückblicken auf die Unternehmen, die Sie bisher beraten haben. Mussten diese ihre Internetseiten 100%ig neu gestalten, oder haben kleinere Veränderungen bereits ausgereicht?
JEH: Die Internetseiten sind heute ganz sicherlich nicht 100% barrierefrei. Aber wir sind sicher einen großen Sprung nach vorne gekommen. Das hat natürlich eine Menge Arbeit gekostet weil die "Innereien" des Systems geändert werden mussten; aber das ist, glaube ich, der typische Verlauf; manchmal gibt es auch optische Veränderungen. Aber wenn ein Relaunch geplant wird und als eine der Anforderungen die Barrierefreiheit gilt, dann ist die Barrierefreiheit nur ein Teilaspekt und ist relativ kostengünstig umsetzbar.