Was viele Web-Entwickler nicht wissen, aber gerade beim Thema "Webdesign" oder auch "Software-Entwicklung" wissen sollten, ist dass der Computer fast allen den Zugang zu elektronisch bereitgestellten Informationen ermöglicht. Wir kennen das ja vom Handy und dem WAP-Zugang: Der Zugang zu elektronischen Informationen muss nicht notwendigerweise über einen Bildschirm laufen. Sowohl für die Ausgabe des Computers als auch für die Eingabe in den Computer gibt es zahlreiche Geräte, die weit über die "Standard-Ausstattung" mit Bildschirm, Tastatur, Maus und Drucker hinausgehen.
Im Angloamerikanischen wird beim Thema "barrierefreies Webdesign" von "Accessibility" gesprochen, was oft übersetzt wird als "Zugänglichkeit". Ich finde dieses Wort sehr unglücklich, da es nicht gerade vielsagend ist; assoziiert überhaupt jemand etwas damit, dann vermutlich nicht etwa die Lesbarkeit von Software, sondern eher den Zugang zum Internet über einen Provider.
Barrierefreies Webdesign bedeutet, Webseiten so zu gestalten, dass sie von jedermann gelesen und bedient werden können. Dabei kann es sich um sehr unterschiedliche Dinge handeln.
Die größten Schwierigkeiten beim Lesen von traditionell erstellten Webseiten haben Benutzer von textorientierten Browsern oder grafischen Browsern mit ausgeschalteter Grafikfunktion: solche Benutzer
Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden - wobei Sie die Suchmaschinen nicht vergessen sollten, die wie textorientierte Browser arbeiten!
Was haben diese Beispiele eigentlich gemeinsam, außer der Verwendung eines textorientierten Browsers? Wahrscheinlich nichts! Selbst wenn Sie Ihr Besucherprofil relativ gut kennen, werden Sie es in der Regel nicht schaffen, allen Anforderungen Ihres Publikums zu genügen. Platzieren Sie Werbung in einer Zeitschrift, die von Ihrem Klientel nicht gelesen wird, haben Sie einfach nur daneben geschossen. Abgesehen davon, dass die Zeitschrift Ihr Geld verdient hat, ist kein Unglück passiert. Programmieren Sie aber Ihre WWW-Seiten in einer Weise, die manchem Besucher das Lesen erschwert oder unmöglich macht, jagen Sie ihn schnell zu Konkurrenzangeboten. Außerdem wird er deine Seite kaum weiter empfehlen - eher das Gegenteil.
Die Zahl der "Abweichungen" vom Durchschnitts-Surfer ist schwer einzuschätzen, sie beträgt aber mit Sicherheit mehr als 20%. Zumindest ist das laut dem Verein für Behinderte in Gesellschaft und Beruf die Quote derer in Deutschland, die wegen einer Einschränkung die eine oder andere Schwierigkeit im WWW haben.
Barrieren ergeben sich vor allem dann, wenn der Surfer schlecht bzw. gar nicht sehen kann, in seiner Bewegung, also der Bedienung der Maus eingeschränkt ist oder schlecht bzw. gar nicht hört. Dazu kommen mehrere weitere Barrieren, die auf kognitiven Gegebenheiten wie Konzentrationsschwäche beruhen. Aber selbstredend sind es nicht nur Menschen mit Behinderungen, die vor Barrieren stehen, sondern wird jeder, der keinen Standard-Computer mit Standard-Eingabe- und Ausgabegeräten einsetzt, auf Barrieren im World Wide Web stoßen.
Ohne Zweifel stehen Sehbehinderte und Blinde, die mit dem Computer ins Internet wollen, vor den größten Barrieren. Das liegt daran, dass sie spezielle Hilfsprogramme benutzen müssen.
Blinde und viele Sehbehinderte benötigen Software, die die Signale für den Bildschirm abfängt und neu interpretiert. Eine Variante ist die Spezial- oder Brückensoftware, die als "Screen-Reader" bezeichnet wird. Die Übersetzung des Bildschirminhalts durch den Screen-Reader erfolgt entweder in synthetischer Sprache z.B. über eine Soundkarte oder aber in Blindenschrift über die Braille-Zeile; letztere ist ein spezielles Ausgabegerät, das Teile des Bildschirminhaltes in Blindenschrift auf einem taktilen Display wiedergibt und meist mit einer Tastatur als Ein- und Ausgabegerät kombiniert wird.
Dies ist eine Möglichkeit, wie Sehbehinderte und Blinde im WWW surfen. Natürlich ist das mit Einschränkungen verbunden - Inhalte von Bildern und Grafiken bleiben nach wie vor "verborgen".
Die Verwendung von Audio-Browsern ist eine weitere Möglichkeit, zu surfen, ohne den Bildschirm lesen zu müssen. Damit werden Inhalte und Formatierung rein akustisch ausgegeben.
Ein Screen-Magnifier stellt einen Teil der "normalen" Darstellung vergrößert auf dem Bildschirm dar. Das bedeutet, dass der Benutzer jeweils nur einen kleinen Teil des Bildschirms wahrnehmen kann. Ist er auf eine vierfache Vergrößerung angewiesen, sieht er also jeweils nur 1 / 16 der Bildschirmanzeige.
Auch andere Anpassungen der Darstellung durch Veränderungen in der Systemsteuerung von Microsoft Windows, z.B. eine neue Einstellung der Farben, können für Sehbehinderte eine große Hilfe sein. Solche Änderungen der Einstellungen gelten auch für die Programme - und somit auch für Internet-Programme. In manchen Fällen führt das zu Problemen, wenn Webgestalter Farben teils selbst definieren, teils ihre Definition dem Betriebssystem überlassen.
Eine weitere Gruppe von Surfern, die vor Barrieren im WWW steht, sind diejenigen, die keine Maus benutzen können und statt dessen darauf angewiesen sind, die Tastatur zur Navigation bzw. Bedienung der Maus zu verwenden. Oft wird nichtsahnend vorausgesetzt, dass jeder eine Maus benutzt. Stellen Sie sich aber vor, Sie müssten Ihren Computer mit Boxerhandschuhen oder mit deinen Füßen bedienen. Da wäre eine normale Maus sicherlich keine besondere Hilfe. Hier sind spezielle Tastaturvorrichtungen die nützliche Alternative.
Nun gibt es eine ganze Reihe Menschen, die aus verschiedenen Gründen keine Maus benutzen; gerade auch Experten unter den Computernutzern verwenden gerne die Tastatur statt der Maus. Der wesentliche Vorteil dabei ist, dass die Bedienung des Computers wesentlich schneller geht. Der Einsatz von Tastaturkürzeln auf WWW-Seiten ist zwar nicht unbedingt vorgesehen - die Bedienung von Seiten über die Tastatur ist aber dennoch machbar.
Ist die Navigation auf einer Seite nur mit Hilfe der Maus möglich, wird nicht nur diesen Surfern das Leben schwer gemacht. Die Möglichkeit, eine Website ausschließlich mit der Tastatur zu bedienen, ist also auch ein Kriterium für die Zugänglichkeit und Barrierefreiheit.
Menschen, die schlecht oder gar nicht hören oder nicht oder nur undeutlich sprechen, sind im Web von heute mit relativ wenigen Barrieren konfrontiert. Erst die Zukunft wird zeigen, inwieweit das WWW zum Kommunikationsmittel ausgebaut und zum akustisch-interaktiven Medium wird. Spätestens dann müssen auch für solche Barrieren Alternativen berücksichtigt werden.
Neben diesen technisch orientierten Barrieren, die sich meist die Einhaltung von "Spezifikationen" oder Normen überwinden lassen, gibt es viele sehr individuell ausgeprägte Barrieren.
Ein großer Teil der Sehbehinderten steht auch dann vor Barrieren im Internet, wenn sie keinen Screen-Reader oder -Magnifier einsetzen müssen. Da dieser Personenkreis aufgrund der Vielfältigkeit der Augenarkrankungen meist sehr individuelle Anforderungen an die Anzeige des Bildschirms hat, ist es hier schwieriger, optimierte Anforderungen zu formulieren. Jedoch treten einige grundsätzliche Schwierigkeiten relativ häufig auf.
Es gibt eine ganze Reihe anderer Einschränkungen, die weitere Barrieren im Internet aufzeigen. Denken Sie etwa an Menschen, die Konzentrationsschwächen haben; da ist eine logisch aufgebaute und leicht nachvollziehbare Navigation eine besondere Unterstützung. Ein weiteres Beispiel: je nach Art der Einschränkung können auch blinkende Elemente zur völligen Ablenkung von den Inhalten auf Ihrer Seite führen und zum Teil auch gesundheitliche Gefahren bedeuten.
Für diese und andere Barrieren wurden von der Web Accessibility Initiative (WAI)
66 Regeln aufgestellt, die in den
WAI-Richtlinien (1999) resp. im letzten HTML 4-Standard (1997, zuletzt 1999 in der Version 4 . 01 aktualisiert) festgehalten sind. Trotz dieser Standards werden die meisten Webseiten auch heute noch nicht barrierefrei gestaltet, weil die Anbieter von HTML-Editoren diese Richtlinien dem Benutzer lediglich als Option überlassen bzw. darauf beharrt wird,
für alte, nicht-konforme Browser zu gestalten.
Weiterführende Informationen:
Dieser Beitrag wurde von
Jan Eric Hellbusch verfasst. Hellbusch ist Autor der beiden gleichnamigen Titel "
Barrierefreies Webdesign". Mit "2bweb.de" bietet er
Schulung und Beratung für barrierefreies Internet.
Lesen Sie,
warum ich mich an die Standards halte und warum das Layout mit
Cascading Style Sheets statt Tabellen oder Frames gestaltet wurde. Sollten Sie Probleme mit dem Layout haben, so finden Sie in der
Liste standardkonformer Browser Links zu entsprechenden Download-Seiten.
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