Was bedeutet Barrierefreiheit? veröffentlicht in 2007

Dieser Artikel eröffnete die Accessibility Blog Parade auf MAIN_web. In der Accessibility Blog Parade ging es vom 10.10. bis 11.11.2007 vor allem um die barrierefreie Webgestaltung. Zahlreiche Weblogs beteiligten sich mit Beiträgen. MAIN_web hat Extern: zur Blogparade das eLogbuch accessibility herausgegeben.

Bei der barrierefreien Webgestaltung steht der Mensch mit einer Behinderung stets im Vordergrund. Dass die Barrierefreiheit auch anderen nützt, ist gar keine Frage. Wer aber Barrierefreiheit verallgemeinert und Behinderte nicht an erste Stelle stellt, sollte vielleicht die folgenden Gedanken zur Begriffsklärung beachten.

Immer wieder ist im Web zu lesen, dass es sich bei dem Begriff "Barrierefreiheit" um eine falsche Übersetzung des englischen Begriffes "Web Accessibility" handele und dass wir eher über "Zugänglichkeit" und "Erreichbarkeit" diskutieren sollten. Es mag sein, dass es auch solche Übersetzungen für "Web Accessibility" gibt, aber bei "Web Accessibility" wird sogar beim World Wide Web Consortium die Behinderung als Ausgangspunkt definiert:

"Web accessibility means that people with disabilities can use the Web. More specifically, Web accessibility means that people with disabilities can perceive, understand, navigate, and interact with the Web, and that they can contribute to the Web."

Um es mit Sir Tim Berners-Lee, dem W3C-Direktor und Erfinder des World Wide Web, zu sagen: "Die Macht des Webs liegt in seiner Universalität. Zugang durch alle, unabhängig von einer Behinderung, ist ein essenzieller Bestandteil."

Die Zugänglichkeit eines Webauftritts ist dann gegeben, wenn die Inhalte von allen erreicht und verstanden werden können. Allerdings wird die Nutzbarkeit eines Webauftritts erst durch die Nutzer beurteilt werden können. Es ist die Nutzbarkeit, die die Barrierefreiheit von der reinen Zugänglichkeit unterscheidet.

Die Barrierefreiheit wird auch in vielen europäischen Gesetzen definiert. Beispielsweise wird im deutschen Intern: Behindertengleichstellungsgesetz "Barrierefreiheit" unmittelbar mit der Nutzung durch Menschen mit Behinderungen verknüpft:

"Barrierefrei sind […] gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind."

Folgende Begriffe sind dabei von Bedeutung:

gestaltete Lebensbereiche
Alles, was von Menschen gestaltet wird, kann unter dem Aspekt der Barrierefreiheit betrachtet werden. Die gestalteten Bereiche sind als Gegensatz zu natürlichen Bereichen (wie ein Fluss oder ein Wald) zu betrachten, wobei eine Brücke über den Fluss oder ein Waldweg wieder gestaltete Bereiche sind. Ohne Zweifel gehören Webangebote zum gestalteten Lebensbereich.
zugänglich und nutzbar
Die Zugänglichkeit z.B. zu einem Gebäude alleine reicht nicht für die Barrierefreiheit aus, das Gebäude muss auch sinnvoll nutzbar sein. Ein Gebäude mit Rampen kann für Rollstuhlfahrer zugänglich gemacht werden, aber wenn der Fahrstuhl in den ersten Stock nicht breit genug für den Rollstuhl ist, dann ist das Gebäude nicht sinnvoll nutzbar. Im Web ist das ähnlich: Die Zugänglichkeit alleine reicht nicht aus, die Angebote müssen auch von Menschen mit Behinderungen sinnvoll genutzt werden können, um barrierefrei zu sein.
in der allgemein üblichen Weise
Dieser Passus bedeutet, dass es keine Sonderlösungen geben darf. Ein Gebäude ist nicht barrierefrei, wenn es zwar zugänglich ist, aber Rollstuhlfahrer nicht durch den Haupteingang, sondern durch einen Nebeneingang hinein können. Im Web bedeutet dies, dass es keine "barrierefreie" Versionen eines sonst nicht barrierefreien Auftritts geben darf, sondern dass die Standardangebote von vorne herein zugänglich und nutzbar sein müssen.
ohne besondere Erschwernis
Die Nutzung gestalteter Bereiche darf nicht mit zusätzlichen Hürden belastet werden. Die vorherige Anmeldung eines Rollstuhlfahrers beim Hausmeister eines Gebäudes zur Sicherstellung der rechtzeitigen Bereitstellung einer Rampe ist ein Beispiel für ein Erschwernis. Auch im Web gibt es Beispiele für besondere Erschwernisse, wenn z.B. die Inhalte nicht mit der gewohnten Software betrachtet werden können und andere Anwendungen installiert und konfiguriert werden müssen.
grundsätzlich ohne fremde Hilfe
Die Selbstständigkeit möglichst vieler Menschen mit Behinderungen muss beachtet werden. In einem Fahrstuhl muss ein Rollstuhlfahrer die Tasten bedienen und ein sehbehinderter Mensch muss das Display lesen können. Auch im Web muss vorausgesetzt werden, dass die Nutzung selbstständig erfolgen kann. Obwohl die Nutzung des Webs bei bestimmten Behinderungsarten den Einsatz von speziellen Hilfsmitteln voraussetzt, so ist ein Angebot nur dann wirklich barrierefrei, wenn entweder die Nutzung mit diesen Hilfsmitteln möglich ist oder – im Falle des Versagens – geeignete alternative Hilfsmittel vom Anbieter bereitgestellt werden.

Barrierefreies Webdesign bedeutet also, dass Menschen mit Behinderungen ein Webangebot uneingeschränkt und selbstständig nutzen können. Gerade die Nutzbarkeit fordert jedoch, dass die Barrierefreiheit von Webauftritten noch einen Schritt weiter als die reine Zugänglichkeit geht: Die Nutzung muss auch mit den Fähigkeiten und den Hilfsmitteln behinderter Nutzer möglich sein. Es handelt sich um eine Gebrauchstauglichkeit vor dem Hintergrund einer Behinderung.