Der direkte Zugriff
Viele Webanbieter sind der Ansicht, dass eine parallele Version eines Webauftritts, die keine Bilder enthält und als "Textversion" tituliert wird, ausreiche, um den Anforderungen der Barrierefreiheit zu genügen. Solche parallele Versionen von Webauftritten werden gelegentlich als "barrierefreie Version" oder sonst wie beschönigend umschrieben. Solche Seiten sind meistens nur aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit zu bewerten: Die Anbieter der Webauftritte wollen oder müssen ihre Webauftritte für die Allgemeinheit zugänglich und nutzbar machen, können und wollen nichts an der Technik oder Gestaltung ändern. In den allermeisten Fällen sind die Textversionen nicht mehr und auch nicht weniger barrierefrei als die anderen Fassungen; die "Textversion" ist meistens nur ein Alibi, um die eigene
Inkompetenz zu kaschieren.
Wie kommen "Webdesigner" eigentlich dazu, eine "Textversion" als "barrierefrei" zu kommunizieren? Die Motivation für die Berücksichtigung der doppelten Inhalte waren immer die "Blinden" und die Barrierefreiheit drückte sich für die "Webdesigner" in der "textversion" aus, weil blinde Nutzer Bilder nicht sehen können. Dies ist überhaupt eine der falschen Vorstellungen von Barrierefreiheit. Es geht zwar auch um Blinde, aber Barrierefreiheit umfasst einen deutlich höheren Anteil der Nutzer als "die Blinden". Dass die allermeisten Menschen mit Behinderungen sich nicht mit einer Textversion abspeisen lassen ist hoffentlich genauso klar, wie ein Webdesigner den korrekten und sinnvollen Einsatz von Webstandards beherrschen muss. Letztlich geht es bei der Barrierefreiheit darum, dass ein großer Teil der 750 Millionen Behinderten weltweit auch Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sei es für sich oder für andere.
Die Erstellung von "Textversionen", gerade wenn es um die Aktualisierung geht, klingt nach viel Arbeit. Natürlich, wenn die "Textversion" einfach nur alle Bilder aus dem Text rausschmeißt, oder wenn ein paar optimierte Seiten vom vorletzten Relaunch ohne Bilder angeboten werden, ist die Textversion nicht aufwändig; sie ist dann auch nichts wert. Es gibt meistens zwei Probleme mit Textversionen:
Da Textversionen in der Regel nicht so umfangreich oder oft nicht so schön sind wie die Erstfassung, werden sie von Menschen mit Behinderungen ebenso wenig genutzt wie von Menschen ohne Behinderung. Der geringere Mehrwert führt dazu, dass die Inhalte nicht weiter gepflegt werden und die Textversion ist nicht mehr aktuell. Abgesehen davon, dass die Textversion dazu führt, dass der Webauftritt keiner Konformitätsstufe der Barrierefreiheit mehr entspricht, erkennen die Nutzer so etwas natürlich auch und vermeiden zukünftig solche Alibi-Seiten.
Warum werden also Textversionen angeboten? Nun, der eine Grund ist kommunikativer Natur: Anbieter von Webauftritten wollen der allgemeinen Öffentlichkeit signalisieren, dass sie etwas für eine gesellschaftlich benachteiligte Gruppe von Menschen tun. Die einen, die sich nicht mit barrierefreiem Webdesign beschäftigen, nehmen das zur Kenntnis oder auch nicht, aber "wichtig" ist die Information nicht. Die anderen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, benötigen nicht die Erfüllung aller Kriterien der Barrierefreiheit; zumindest spielt die Textversion keine Rolle für ihren Zugang. Die "Textversion" ist nur für den Anbieter selbst interessant, indem er von der fehlenden Barrierefreiheit abzulenken versucht.
Der zweite Grund für die Berücksichtigung einer Textversion ist in der Antike des Webs zu finden: Als in den Browserkriegen zwischen Netscape und Microsoft in den 1990er Frames zum Layout eingeführt wurden, gab es eine kurze Zeit, wo blinde Nutzer nicht damit umgehen konnten. Screenreader für grafisch orientierte Anwendungen wurden erst Ende der 1990er entwickelt. Bis dahin mussten blinde Nutzer auf textorientierten Betriebssystemen wie DOS arbeiten und entsprechend wurde damals auch mit einem Textbrowser gearbeitet. Textbrowser haben erst gegen 1998 Frames unterstützt und bis zu dem Zeitpunkt war es tatsächlich erforderlich, Textversionen für Frames-basierte Layouts anzubieten.
Frames-Darstellung im Textbrowser "Lynx"
Die Abbildung lässt schon vermuten, welche Schwierigkeiten Frames geboten haben. Mit einem Textbrowser wurden die einzelnen Frames als Links dargestellt. Der Nutzer kann diese Links wie gewohnt auswählen, jedoch wird immer nur ein Frame angezeigt. Daher ist es immer noch umständlich, Frames-basierte Seiten mit einem Textbrowser zu bedienen.
Schon Ende der 1990er wurden die Screenreader aber Windows-tauglich und seitdem wird auf die grafischen Oberflächen der Betriebssysteme gesetzt. Es war beispielsweise schon mit dem Internet Explorer 4 möglich, mit einem Windows-basierten Screenreader zu arbeiten. Obwohl nicht alle Screenreader direkt mit Browsern arbeiten, gibt es kostenfreie Brückenanwendungen (sog. Webreader) wie der Webformator, die als Plug-In für Browser eingesetzt werden. Probleme mit Frames gibt es dabei schon lange nicht mehr.
Das Erfordernis nach Textversionen ist heute nicht mehr gegeben, weil sowohl Textbrowser als auch Webreader Frames unterstützen. Allerdings sind Frames in Textbrowsern nur schwer zu nutzen; hingegen bieten Screen- und Webreader ausgereifte Funktionen zur Nutzung von Frames.
Dennoch ist das kein "Freischein", Frame-Layouts zu gestalten und diese als "barrierefrei" zu bezeichnen. Frames sind aus Sicht von Webstandards nicht zur Präsentation geeignet, sondern haben einen funktionellen Charakter, der im Einzelfall zur Geltung kommen kann, etwa bei der Einbindung einer Hilfe-Funktion oder von Inhalten eines anderen Webauftritts.
Lesen Sie,
warum ich mich an die Standards halte und warum das Layout mit
Cascading Style Sheets statt Tabellen oder Frames gestaltet wurde. Sollten Sie Probleme mit dem Layout haben, so finden Sie in der
Liste standardkonformer Browser Links zu entsprechenden Download-Seiten.
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