Barrierefreies Webdesign ein zugängliches und nutzbares Internet gestalten

Barrierefreie Gestaltung multimedialer Inhalte mittels SMIL 2.0 in der Theorie und anhand eines Beispiels geschrieben von René Hojas (2004)

Was bedeutet Barrierefreiheit?

Wenn Menschen - aus welchen Gründen auch immer - an gesellschaftlichen Prozessen nicht teilnehmen können, ihnen der Zugang zu unterschiedlichen Informationen verwehrt bleibt und sie bestimmte Dienste nicht nutzen können, wird die Chancengleichheit und Gleichbehandlung in Frage gestellt. Barrierefreiheit bedeutet grundsätzlich, dass die eben erwähnten Anforderungen erfüllt, und die entsprechenden Barrieren entfernt werden.

Diese Definition zeigt deutlich, dass "barrierefrei" keine modische Alternative für "behindertengerecht" oder "behindertenfreundlich" sein kann, sondern viel weiter reicht. Im angloamerikanischen Sprachgebiet wird in diesem Zusammenhang auch von "Accessibility" gesprochen. Viele Experten halten diesen Terminus allerdings für sehr unglücklich, da sich einerseits zwar vieles darunter subsumieren lässt, andererseits aber gerade dadurch Missinterpretationen begünstigt werden. vgl. Intern: Hellbusch 2001

In den ergänzenden Texten zum § 4 des Behindertengleichstellungsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wird die Bedeutung von Barrierefreiheit näher erläutert. Barrierefreiheit ist nach dieser Definition im Bereich "Universelles Design" anzusiedeln:

"Dabei um eine allgemeine Gestaltung des Lebensumfeldes für alle Menschen, die möglichst niemanden ausschließt und von allen gleichermaßen genutzt werden kann. Dieser Gedanke, einer wenn immer möglichen Vermeidung von Sonderlösungen zugunsten einer die Bedarfe behinderter Menschen selbstverständlich einbeziehenden geselschaftlichen Gestaltung, entspricht einer modernen Auffassung von Architektur und Design. Während Sonderlösungen häufig mindere Standards bieten, kostenintensiv zu verwirklichen sind und nur begrenzte Spielräume eröffnen, ermöglichen allgemeine Lösungen eher eine gleiche und uneingeschränkte Teilhabe ohne oder mit geringen zusätzlichen Kosten."

Dieser Ansatz berücksichtigt auch die internationale behindertenpolitische Diskussion, die auf "Einbeziehung" in die allgemeine soziale Umgebung ("inclusion") statt auf spezielle Rehabilitations- und Integrationsbemühungen setzt, die bereits begrifflich die vorherige Ausgliederung und Besonderung voraussetzen." (Web ohne Barrieren, Auszüge aus dem Behindertengleichstellungsgesetz - Barrierefreiheit, online)

Barrierefreiheit und Usability

Diese beiden Begriffe werden oft in ihren Definitionen und Bedeutungen miteinander verwechselt oder einander gleichgesetzt. Natürlich sind diese Disziplinen eng verwandt, beide erhöhen die Vorteile und den Nutzen für den User. Um ein breiteres öffentliches Bewusstsein für Barrierefreiheit zu schaffen, müssen diese Terminologien klar und plausibel voneinander unterschieden werden.

Zugang zu einem System zu haben, es aus Sicht der technischen, persönlichen und situationsbedingten Möglichkeiten prinzipiell nutzen zu können ist klar von der tatsächlichen Benutzbarkeit des Systems zu trennen. Wer keinen Zugang hat, bleibt von der Benutzung eines Systems ausgeschlossen, auch wenn dieses allen Anforderungen der Usability gerecht wird. Barrierefreiheit zielt darauf ab, ein System für eine möglichst große Zielgruppe zugänglich zu machen, während Usability die Zufriedenheit und Nutzerfreundlichkeit in dieser Zielgruppe verbessern möchte. Accessibility kann durchaus als Teil der Usability und gleichzeitig als deren Voraussetzung angesehen werden. vgl. Extern, englischsprachig: Taylor 2004

Barrierefreies Internet

Barrierefreiheit per se bezieht sich prinzipiell auf jedes System. Im Zentrum der Betrachtungen dieser Arbeit soll allerdings die allgemeine Zugänglichkeit von Websites stehen. Barrierefreies Internet bedeutet, dass eine Website für jeden Benutzer mit jedem beliebigen Browser und jeder beliebigen technischen Ausstattung im vollen Umfang zugänglich und nutzbar ist.

Eine vom Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Universität Graz im Jahr 2003 durchgeführte Studie zeigt den Informationsbedarf in Bezug auf Barrierefreiheit deutlich auf. Befragt wurden 277 Mitarbeiter, die für Webauftritte von öffentliche Einrichtungen verantwortlich sind. Die Ergebnisse sind erstaunlich:

"Ungefähr 90 Prozent der Teilnehmer sehen sich als überdurchschnittlich erfahrene Nutzer - und dennoch wissen etwa 75 Prozent über die genaue Umsetzung von Barrierefreiheit im Internet nur wenig Bescheid und vermuten hohen finanziellen sowie technischen Aufwand." vgl. Extern: Neuhold 2004

"85,7 Prozent der Befragten möchten in Zukunft eine barrierefreie Version ihrer Website anbieten. Konkret nach der Angemessenheit der Forderung nach Barrierefreiheit gefragt, halten aber diese für ungerechtfertigt." vgl. Extern: Neuhold 2004

"41,4 Prozent gaben an, bereits von Internetnutzern nach Barrierefreiheit gefragt worden zu sein." vgl. Extern: Neuhold 2004

Welche Barrieren gibt es?

Barrierefreiheit ist wie schon erwähnt kein modischer Begriff für behindertengerecht oder behindertenfreundlich, demzufolge gibt es neben den durch körperliche Beeinträchtigungen bedingten Barrieren noch einige mehr. Für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Beeinträchtigungen können sich in bestimmten Situationen genauso vielfältige Barrieren ergeben. vgl. Extern: Web ohne Barrieren 2004a

Physische Barrieren

Natürlich sind mit dem Terminus Barrierefreiheit prinzipiell auch physische Hindernisse wie steile Treppen, zu schmale Gänge, Griffe von Autotüren, ungesicherte Baugruben und dergleichen gemeint, sie stehen aber nicht im Focus der Betrachtungen dieser Arbeit. Diese Barrieren wurden schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts thematisiert und waren Wegbereiter eines gesellschaftlichen Prozesses, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Ihre Beseitigung bereitet aktuell keine großen Schwierigkeiten mehr. vgl. Extern: Fernuniversität Hagen 2004

Barrieren auf Anwenderseite

Viele dieser Barrieren gehen auf eine der schon erwähnten körperlichen Beeinträchtigungen zurück. Für blinde Menschen sind zum Beispiel visuell transportierte Informationen nutzlos, Hörgeschädigte stehen auditiven Erklärungen hilflos gegenüber, motorisch beeinträchtigte Menschen haben möglicherweise Probleme mit einer Maus oder einer Tastatur als Eingabegerät. Die hier gemeinten Beeinträchtigungen und Barrieren wurden schon im Rahmen dieser Arbeit näher erläutert.

Es gibt aber zahlreiche Barrieren, die nicht auf den Behindertenbegriff des § 3 des Deutschen Behindertengleichstellungsgesetzes zurückgeführt werden können. Menschen, die sich erstmalig mit den Möglichkeiten und Gegebenheiten der Informationstechnologie auseinandersetzen, die also zum ersten Mal im Netz surfen, sehen sich mit teilweise unüberwindbaren Barrieren konfrontiert. Adäquates gilt beispielsweise auch für Senioren und für Analphabeten. vgl. Extern: Fernuniversität Hagen 2004

Situationsbedingte Barrieren

Abgesehen von den bisher erwähnten Barrieren können in unterschiedlichen Situationen auf verschiedenste Hindernisse auftauchen: Ein Beispiel ist die Benutzung eines öffentlichen Internetterminals, bei dem die Informationen auf dem Display aufgrund der direkten Sonneneinstrahlung nur schwer zu lesen sind. Allzu laute Umgebungsgeräusche machen die Aufnahme von akustischen Informationen (z.B. Radio, Telefon, Fernsehen, etc.) oft schwierig oder unmöglich. Ein klassisches Beispiel ist die mangelnde Fähigkeit ein Mobiltelefon während einer Autofahrt problemlos zu bedienen. vgl. Extern: Fernuniversität Hagen 2004

Technische Barrieren

Beim Surfen im Internet trifft jeder Mensch, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigungen, täglich auf unterschiedlichste Barrieren:

Diese Aufstellung lässt sich noch um beliebig viele Beispiele aus dem täglichen Leben erweitern. vgl. Extern: Fernuniversität Hagen 2004

Barrierefreiheit für alle

Per definitionem ist Barrierefreiheit ein Thema für alle. Das Internet und alle Inhalte sollen für alle Menschen gleichermaßen zugänglich sein, jeder soll die Angebote und Dienste uneingeschränkt nutzen können. Auch Menschen ohne Behinderungen stoßen im Internet täglich auf unterschiedlichste Barrieren, wenn sie beispielsweise die Inhalte einer Website nicht aufrufen können, weil ihnen ein spezielles Plug-In fehlt oder sie nach einigen Klicks auf einer Website die Orientierung verloren haben.

Eine überschaubare Komplexität, die Verwendung von einfacher Sprache und eine eindeutige und nachvollziehbare Navigation bringt Vorteile für alle Nutzer. Die Beachtung und Umsetzung der Anforderungen für Barrierefreiheit führt also generell zu einer erhöhten Benutzerfreundlichkeit von Internetangeboten. vgl. Intern: Irke / Hellbusch / Stein 2003

Weitere Argumente für Barrierefreiheit

Abgesehen von der Zugänglichkeit von Websites für Menschen mit Beeinträchtigungen, sprechen noch eine Reihe weiterer guter Gründe für Barrierefreiheit. Auch aus Sicht der Wirtschaftlichkeit ist es sehr sinnvoll, einen Webauftritt unter Beachtung der Richtlinien für Barrierefreiheit zu realisieren. Einige der wichtigsten Argumente werden in den folgenden Punkten erläutert.

Breitere Nutzergruppen

Die Richtlinien für Barrierefreiheit zu beachten, bedeutet möglichst vielen Menschen den Zugang zum Webauftritt zu ermöglichen und somit die Menge der potentiellen Besucher zu vergrößern. Wer nur an den jungen, internet-erfahrenen Standardnutzer denkt, der ohne körperliche Beeinträchtigungen mit einem Windows System und 17 Zoll großem Monitor über eine schnelle Anbindung im Netz surft, verzichtet möglicherweise auf eine große Zahl von Nutzergruppen. In Deutschland sind beispielsweise 8,1 Prozent der Menschen schwer behindert und 16,5 Prozent über 65 Jahre alt. vgl. Extern: Akademie.de 2004a

Optimierung für Suchmaschinen

Enthält der Quelltext einer Website ausschließlich validen Code im Sinne der Barrierefreiheit, so sind sie nicht nur für die Verarbeitung durch diverse technologische Hilfsmittel und Ausgabegeräte optimiert, sondern die Inhalte können von den Robots der Suchmaschinen einfacher und vollständig indiziert werden, was für die Reihung der Website in den Suchergebnissen enorm wichtig ist. Die Beachtung der Barrierefreiheit bewirkt also auch eine Optimierung des Webauftritts für Suchmaschinen. vgl. Extern: Akademie.de 2004a

Nachhaltigkeit von Webauftritten

Die Umsetzung einer Website nach den Kriterien der Barrierefreiheit birgt eine gewisse Investitionssicherheit. Das World Wide Web-Konsortium (W3C) gibt Richtlinien für die Programmierung einer Website vor, welche als Grundlage für die weitere Entwicklung der zukünftigen Browser-Generationen dienen. Werden diese Richtlinien bei der Erstellung eines Webauftritts berücksichtigt, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass bei einer neuen Browser-Version keine bis nur geringe Anpassungen an der Website gemacht werden müssen. Werden Websites dagegen nur für die gerade aktuelle Browser unter Windows Systemen entwickelt, so kann dies, aufgrund der immer stärker zunehmenden Vielfalt an unterschiedlichen Geräten mit Internetzugang, den Verlust vieler Nutzer bedeuten. vgl. Extern: Akademie.de 2004a

Einfache Aktualisierung der Inhalte

Eine Website, die den Anforderungen der Barrierefreiheit entspricht, beachtet die strikt vorgegebene Trennung zwischen Inhalt, Struktur und Design. Dadurch ist einerseits die problemlose inhaltliche Aktualisierung der Inhalte ohne Eingriffe in das Design möglich, andererseits kann das visuelle Erscheinungsbild des Webauftritts verändert werden, ohne Inhalt oder Struktur anfassen zu müssen. Diese Tatsache führt zu einer enormen Reduzierung des zeitlichen und somit auch finanziellen Aufwandes. vgl. Extern: Netzwerk neue Medien 2004

Barrierefreiheit versus Design

Barrierefreien Webauftritten eilt der Ruf voraus, nur innerhalb sehr enger Schranken optisch ansprechend gestaltet werden zu können. vgl. Intern: Clark 2002

Barrierefreie Web-Entwicklung bedeutet allerdings ganz und gar nicht, dass ausschließlich ungestaltete Textwüsten mit blauen unterstrichenen Links zulässig sind. Die Herausforderung besteht darin, für Sehende ein optisch ansprechendes, ergonomisches und intuitives User Interface zu gestalten, und diese mit einer Mark-Up Sprache und Cascading Style Sheets (CSS) so umzusetzen, dass die Website auch für Menschen, die auf die Verwendung technischer Hilfsmittel angewiesen sind, zugänglich bleibt. Jene Nutzer, die mobile Ausgabegeräte mit kleinen Displays mit eingeschränkten Darstellungsfunktionen (z.B. PDA, Palm, etc.) benutzen, profitieren ebenfalls von dieser Aufbereitung der Inhalte, da für sie das Design ebenfalls keine entscheidende Rolle spielt. vgl. Extern: Akademie.de 2004b

Die Verwendung von Grafiken und anderen visuellen Gestaltungselementen widerspricht den Anforderungen der Barrierefreiheit nicht, im Gegenteil: müsste auf deren Verwendung verzichtet werden, würde das im Prinzip eine Benachteiligung der sehenden Nutzer bedeuten, für die grafische Elemente visuelle Hilfestellungen sind, und zu einer Verbesserung der Bedienbarkeit beitragen. Blinde Menschen können dagegen mit den Informationen auf der optischen Ebene nichts anfangen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, ihnen diese Informationen auf anderen Wegen zugänglich zu machen, beispielsweise durch das Bereitstellen von adäquaten alternativen Texten. vgl. Extern, englischsprachig: Bohman 2004

Wird eine der grundlegenden Forderungen der Barrierefreiheit, nämlich jene, Struktur, Inhalt und Design zu trennen, erfüllt, können einerseits die Inhalte für jedermann zugänglich gehalten, und andererseits mittels Cascading Style Sheets ein optisch ansprechendes Design realisiert werden. Im Internet lassen sich immer mehr gute Beispiele dafür finden. Auf der Website www.csszengarden.com kann das verwendete CSS und somit das Design mit einfachen Klicks gewechselt werden, ohne den Inhalt zu beeinflussen. vgl. Extern, englischsprachig: Bohman 2004