Der direkte Zugriff
."Du kannst eben nicht in einen Buchladen gehen und in Klappentexten stöbern.", meint der blinde Schüler Simon zu den Möglichkeiten des Online-Shops Amazon.de für Blinde (Gruppendiskussion Marburg 3)
Im folgenden Kapitel erläutere ich Formen von Sehschädigungen und gehe auf wichtige Fachbegriffe ein. Anschließend widme ich mich der Sonderstellung Blinder in unserer Gesellschaft und gebe wieder, welche Ziele sich blinde Schüler für das Leben in unserer Gesellschaft stecken. Die Entwicklung der Kommunikationshilfsmittel für Blinde von der Antike bis zum Internetzeitalter ist das Thema des Kapitels "Die Entwicklung der Kommunikationshilfen für Blinde" in welchem auch der Ursprung der Welle des "Barrierefreien Webdesigns" untersucht wird. Im Kapitel "Das Potential des Internet im Vergleich zu Alternativen" hebe ich die Bedeutung des Internets für Blinde im Vergleich zu anderen Medien hervor und in Kapitel "GS/GO-Modell angewendet auf die Internetnutzung der Blinden" wende ich das GS/GO-Modell auf die Internetnutzung der Blinden an.
In Deutschland leben etwa 155.000 Blinde und 500.000 Sehbehinderte (vgl.
Charlier 1999 S. 45), (vgl.
Grote 2000 S. 57). Sehbehinderungen und Blindheit lassen sich unter dem Begriff Sehschädigung zusammenfassen. Die Abstufungen sind folgendermaßen zu sehen (vgl.
Rath 1987 S. 19 ff):
Wann eine Person als blind gilt, wird unterschiedlich definiert. Allerdings ist die oben genannte Definition in der Literatur sehr verbreitet. Eine Person ist blind, so auch Lucas, wenn sie kein Sehvermögen besitzt oder in ihrem Sehvermögen stark beeinträchtigt ist (in der Regel auf dem besseren Auge 1/50 der Sehnorm), so dass sie sich in fremden Umgebungen nur mit fremder Hilfe orientieren kann und visuelle Informationen über andere Wahrnehmungssysteme aneignen muss (vgl.
Lucas 1979 S. 9).
Abb. 04: Sehschädigungen eingeteilt nach Schweregraden. Wer auf dem besseren Auge 1/50 der Sehkraft besitzt, gilt nach dieser Einteilung als blind.
Eine aus pädagogischer Sicht formulierte Definition lautet, dass eine Person dann blind ist, wenn sie aufgrund ihrer Sehschädigung nicht durch visuelle Methoden unterrichtet werden kann. Dies schließt neben den vollkommen Blinden auch Leute mit ein, die noch hell/dunkel und grobe Umrisse erkennen können (vgl.
Lucas 1979 S. 9). Bei Blindheit unterscheidet Lucas zwischen (vgl.
Lucas 1979 S. 10):
Nach Lucas gibt es etliche Ursachen für Blindheit, wie Krankheit, Geburtsschäden oder Unfall. Beim Vergleich von Geburtsblinden und Späterblindeten können unterschiedliche Fähigkeiten festgestellt werden.
Geburtsblinde haben mehr Schwierigkeiten in der Vorstellung von Perspektive, Farben und Helligkeit und sonstigen Dingen, die zum täglichen Leben eines Normalsehenden gehören. Späterblindete, insbesondere Altersblinde sind häufig nicht mehr in der Lage, die Braille-Punktschrift zu lernen und müssen auf andere Hilfsmittel zurückgreifen (vgl.
Hilberg 1989 S. 2).
Mit Bezug auf eine Statistik der Infratest Gesundheitsforschung von 1982 gibt Hilberg an, dass 70 Prozent der Sehgeschädigten nach dem 17. Lebensjahr erblindet sind, was ein Grund dafür ist, dass nur knapp ein Drittel aller Blinden die Punktschrift lesen und schreiben kann. Von den Geburtsblinden und Früh- und Jugenderblindeten beherrschen laut der Statistik knapp zwei Drittel die Punktschrift, bei den Altersblinden sind es nur drei Prozent. Auch wenn die Statistik noch vor der Wiedervereinigung erstellt wurde, dürften sich die Tendenzen nicht stark verändert haben.
Im Folgenden der Arbeit geht es in erster Linie um blinde Schüler, d.h. vor allem um Geburtsblinde bzw. Früherblindete, die keinerlei Sehkraft besitzen.
Es sei angemerkt, dass ich mich im empirischen Teil dieser Arbeit mit blinden Schülern befasse, von denen der überwiegende Teil seit Geburt an vollständig blind ist. Die folgenden Erläuterungen beziehen sich deshalb in erster Linie auf die Situation von Geburtsblinden und Früherblindeten in unserer Gesellschaft.
Das Elternhaus, Pädagogen und das soziale Umfeld von blinden Kindern müssen nach Heilpädagogin Lucas auf einige wichtige Punkte achten (vgl.
Lucas 1979 S. 12). Wie auch bei sehenden Kindern führt ein Verwöhnen des blinden Kindes zu Schäden. "Es gibt keine Blindenerziehung", so Lucas, lediglich die Wissensvermittlung weicht ab, vor allem in den Bereichen, in denen visuelle Informationen vermittelt werden. So sollte das Lernmaterial zwar so speziell wie nötig, aber auch so normal wie möglich sein. Als Beispiel führt Lucas Ampelanlagen heran. Um diese blindenfreundlich zu gestalten, geht es nicht darum, die visuellen Signale durch akustische Signale abzulösen, sondern beide Signalformen nebeneinander anzubieten. Auch Rath weist darauf hin, dass die Lernprozesse durch die fehlende Visualität erschwert werden (vgl.
Rath 1987 S. 22). Spezifische Mittel und Methoden, wie die Braille-Schrift, müssen eingesetzt werden.
Nicht-sehen als Selbstverständlichkeit auffassen, das bedeutet für Lucas auch, dass blinde Kinder von Anfang an mit sehenden Kindern aufwachsen sollten (vgl.
Lucas 1979 S. 12 ff). Dabei sollte das blinde Kind möglichst so behandelt werden, wie jedes andere auch. Als Eltern soll man die Behinderung eines Kindes akzeptieren, aber sich nicht dafür schämen. Wichtig ist, dass das Kind immer wieder lernt, "daß es einen Weg gibt, auch mit Behinderungen zu seinem `Recht` zu kommen" (vgl.
Lucas 1979 S. 14). Eine Sonderstellung blinder Kinder, wie durch Sonderschulen hervorgerufen, hält Lucas für gefährlich. Als "Sonderkind" groß geworden, hat das Kind später Schwierigkeiten mit Sehenden umzugehen und ein "vollwertiges Mitglied der Gesellschaft" zu sein. Auch Daoud-Harms weist auf Integrationsprobleme von Blinden hin und betont, dass es bereits in der frühkindlichen Phase entscheidend ist, dass blinde Kinder am gesellschaftlichen Leben teilhaben und nicht ausgegrenzt werden (vgl.
Daoud-Harms 1993 S. 75). Das ist schwierig, da sich am Wohnort oftmals kein Kindergarten und oder keine Schule finden lässt, wo blinde Kinder betreut werden. "Es fehle an Erfahrung", so heißt es oftmals vorschnell als Begründung von den Entscheidungsträgern in den Bildungseinrichtungen. Blinde Kinder müssen sich deshalb oftmals schon mit sechs Jahren von dem vertrauten Familien- und Bekanntenkreis trennen und wachsen im Blindeninternat in der Umgebung von sehgeschädigten Mitschülern, Blindenlehrern und Erziehern auf. Ist das Kind in der Familie aufgrund seiner Sonderstellung unter "Bedingungen von "overprotection" groß geworden, ist dieser Wechsel ins Internatsleben eine "entscheidende Zäsur für die weitere Entwicklung des Kindes". Im Blindeninternat wird es völlig fremden Menschen übergeben und "steht außerhalb der Welt der Sehenden" (vgl.
Daoud-Harms 1993 S. 76). Unter diesen ausgrenzenden Bedingungen wachsen die Schüler auf und verlieren das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Und das, obwohl sie das Blindeninternat gerade auf die spätere Situation in der Welt der Sehenden vorbereiten soll. So können gut gemeinte Hilfsangebote für Blinde genau das Gegenteil erreichen.
Alle spontanen Versuche, uns in die Normalität zu integrieren, um anerkannt zu werden, führten zu neuen Widersprüchen. Je größer die Anstrengungen und ihre Erfolge waren, um so deutlicher wurde auch, daß durch die "Integration" und die "Anerkennung" unsere Probleme als "Behinderte" nicht gelöst werden konnten (vgl.
Daoud-Harms 1993 S. 73).
Blinde sind "Sonderwesen", die geduldet und akzepiert sind, aber behindert bleiben, so Daoud-Harms(vgl.
Daoud-Harms 1993 S. 73). Und wenn es ein Blinder im "normalen Leben" zu etwas gebracht hat, dann ist er eine Ausnahme unter den Blinden. Trotz aller Anstrengungen wird man immer wieder auf die "Blindheit reduziert" und "gegeneinander ausgespielt".
Grundsätzlich kann sich ein Mensch an die verschiedenartigsten Umweltbedingungen anpassen (vgl.
Lucas 1979 S. 22). Die Herausforderung für blinde Menschen ist es, den Gesichtssinn zu kompensieren. Unter Gesichtssinn versteht man den Sinn zur Wahrnehmung des für uns "als Licht sichtbaren Teils des Sepktrums elektromagnetischer Strahlen" (vgl.
Die Große Bertelsmann Lexikothek 1995 S. 380). Beim Menschen ist das Organ des Gesichtssinns das lichtempfindliche Auge. Bei etwa 80 Prozent unserer Sinneswahrnehmungen ist in unserem Kulturkreis der Gesichtssinn beteiligt (vgl.
Lucas 1979 S. 22). Roth spricht sogar von 90 Prozent an Datenmenge, die über das Auge wahrgenommen werden (vgl.
Roth 2000 S. 197). Dies muss bei blinden Menschen vor allem durch den Tastsinn und den Gehörsinn, aber auch durch den Geruchs- und den Geschmackssinn ersetzt werden.
Der Tastsinn ermöglicht die haptische Wahrnehmung. Durch ihn können Formen und Strukturen erkannt werden (vgl.
Lucas 1979 S. 23). Auch unterschiedliche Temperaturen können durch Tasten gespürt werden. Das Problem ist, wie oben bereits beschrieben, dass bei blinden Säuglingen der Anreiz zum Greifen durch Farben und Formen fehlt. Durch akustische Signale kann und sollte dieser geschaffen werden.
Der Gehörsinn dient der akustischen Wahrnehmung und damit vor allem der örtlichen Orientierung, dem Wiedererkennen von Personen und Räumlichkeiten (vgl.
Lucas 1979 S. 24). Da die Schulung des Gehörsinns vom Sehvorgang unterstützt wird, ist auch die Gehörschulung eine große Herausforderung für sehgeschädigte Kinder und deren Bezugspersonen. Der "Bewußtwerdungsprozeß" muss geübt, auf "Schallereignisse" muss immer wieder aufmerksam gemacht werden, um die akustische Wahrnehmung zu schulen.
Auch Geruchs- und Geschmackssinn sind bei Blinden schulbar, spielen aber gegenüber dem Tast- und dem Gehörsinn eine untergeordnete Rolle (vgl.
Lucas 1979 S. 25). Auch Roth gibt an, dass die Wahrnehmungsfunktion der Augen vor allem über Tast- und Gehörsinn kompensiert werden (vgl.
Roth 2000 S. 199).
Blinde müssen durch Fehlen des Gesichtssinns ständig versuchen, mit allen verbliebenen Sinnen Dinge wahrzunehmen, um ein "ganzheitliches Bild" der gegenwärtigen Umgebung zu erhalten (vgl.
Lucas 1979 S. 26). Durch den ständigen Einsatz aller Sinne befindet sich der Blinde in einer Stresssituation. Und obwohl ein Blinder seine Sinne intensiver einsetzt als es ein Sehender tun muss, "bleibt seine Erlebnisvielfalt geringer als die des Sehenden" (vgl.
Lucas 1979 S. 26). So kann er einen Vogel auf einem Baum nicht sehen, das Vorbeiziehen der Wolken nicht wahrnehmen und nicht überprüfen, ob er korrekt gekleidet ist. Dass letzteres keine Selbstverständlichkeit ist, verdeutlicht Vollbrecht in ihrem Beitrag "Nicht sehen und trotzdem gut aussehen", in welchem sie über eine Outfitberatung berichtet (vgl.
Vollbrecht 2004 S. 255).
Bzgl. des Anziehproblems schildert sie, wie sie morgens vor dem Kleiderschrank steht und nicht mehr weiß, welche Farben die einzelnen Kleidungsstücke besitzen. Gerade Geburtsblinde haben eine ganz andere Vorstellung von Dingen als Sehende, da sie einen anderen Erfahrungskomplex aufweisen (vgl.
Lucas 1979 S. 26). So beschreibt Vollbrecht, wie sie sich ihr Gesicht von jemandem beschreiben ließ und als Geburtsblinde überrascht darüber war, dass ihre Lippen eine andere Farbe haben als das Gesicht (vgl.
Vollbrecht 2004 S. 256). Auch wenn ein Blinder noch so selbständig ist, so Lucas, scheint die Abhängigkeit vom Sehenden nie enden zu wollen. Gerade an unbekannten Orten ist seine Orientierung stark eingeschränkt.
Weitere besondere Probleme blinder Kinder sind nach Lucas Lokomotionsprobleme, denn für die Bewegungsentwicklung spielt das Auge eine wesentliche Rolle (vgl.
Lucas 1979 S. 17 ff). Auch Rath weist darauf hin, dass das Sehen ein wichtiger Faktor beim motorischen Lernen ist und deshalb Einschränkungen in der motorischen Entwicklung bei Sehgeschädigten auftreten können (vgl.
Rath 1987 S. 37). Ein blindes Kind erhält durch fehlende optische Reize "weniger Anreiz zur Bewegung und Betätigung", so Lucas (vgl.
Lucas 1979 S. 17 ff). Dies beginnt schon kurz nach Geburt. Für einen blinden Säugling gibt es bspw. keinen visuellen Anreiz, seinen Kopf zu heben und mit den Augen die Welt zu entdecken. Ungenügende Bewegungsreize können zur unterentwickelten Muskulatur führen. Obwohl also ein blindes Kind motorisch voll funktionsfähig ist, ist sein Bewegungsrhythmus gestört. Die Folge der mangelnden Körperkoordination ist räumliche Desorientierung. Dadurch, dass blinde Menschen ständig konzentriert sind, wirkt deren Lokomotion außerdem angespannt. Der angespannte Muskelturnus, so Lucas weiter, führt zu stereotypen Bewegungen, wie Wippen. Lucas konstatiert:
Durch fehlende Fortbewegungsmuster, bzw. ihre mangelhafte Ausführung, kommt es zu allgemeinen Entwicklungsrückständen und eingeengten Kontaktmöglichkeiten mit der Umwelt. Geistige, körperliche und psychische Rückstände können entstehen(vgl.
Lucas 1979 S. 19).
Lokomotionskorrekturen sind deshalb sehr wichtig. Die möglichst eigenständige Fortbewegung und Orientierung ist nach Lucas "von unschätzbarer Bedeutung für die Gewinnung des Selbstwertgefühls und den Glauben an die eigenen Möglichkeiten" (vgl.
Lucas 1979 S. 19).
Dass Mobilität und Orientierung Fertigkeiten sind, welche sich Blinde erarbeiten müssen, wird auch dadurch ausgedrückt, dass es für sie "Mobilitätstraining" und Schulungen "Lebenspraktischer Fertigkeiten" gibt (vgl.
Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung 2001 ). Mobilität umfasst Fähigkeiten, sich weitestgehend unabhängig, sicher und zielgerichtet in der Umwelt zu bewegen (S. 17). Mobilität steigert das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl. Zum Mobilitätstraining gehören das Erlernen von Stocktechniken, das Zurechtfinden in der Stadt, in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen. Zu den lebenspraktischen Fertigkeiten gehören alle Tätigkeiten, welche zur Bewältigung des Alltags gehören wie Körperpflege, Esstechniken, Kleiderpflege und Kommunikation.
Auch Rath stellt das Erlangen von Unabhängigkeit als einen wichtigen Faktor, der den Sehgeschädigten Selbstannahme und Selbstachtung ermöglicht, dar (vgl.
Rath 1987 S. 47). Als weitere Faktoren kommen die "Art der Hilfsangebote" für Blinde und "die Unterstützung durch Menschen, die ebenfalls sehgeschädigt sind", hinzu.
Hanke spricht die nonverbale Kommunikation an, bei welcher Blinde nicht nur in der eigenen Wahrnehmung, sondern auch in der äußeren Wahrnehmung eingeschränkt sind. Blinde müssten lernen, darauf zu achten, wie sie "anzusehen sind" (vgl.
Hanke 1994 S. 25). Da sie selbst nur schwer nonverbale Botschaften wie Gestik oder Mimik wahrnehmen können, fällt es ihnen nicht leicht, solche zu senden. Doch das sollten sie nach Meinung von Hanke lernen. Blinde sollten sich über "ihr Äußeres" Gedanken machen, den Kommunikationspartner anschauen und die Mimik wie z.B. das Lächeln nutzen. Dadurch bauen sich Berührungsängste seitens sehender Mitmenschen ab.
"Blindenspezifische Aspekte nonverbaler Kommunikation" und ihre Auswirkungen in Beruf und Alltag sind nach Hanke ein interessantes und wichtiges Thema für Blinde (vgl.
Hanke 1995 S. 118). Er berichtet von Erfahrungen eines Seminars. In diesem lernen Blinde durch Übung, wie sie "eine ganze Menge nonverbaler Äußerungen wahrnehmen können". So würde man hören, wenn jemand den Kopf ständig dreht, die Stimme zittert oder jemand nervös mit dem Kugelschreiber klickt. Auf der anderen Seite ist es für Blinde schwer einzuschätzen, wie ihr Äußeres auf andere Menschen wirkt, und beurteilen zu können, ob sie "normal" erscheinen. Die eigene, oftmals unbewusst stattfindende nonverbale Kommunikation muss dazu wahrgenommen werden. Hanke spricht blindenspezifische Verhaltensweisen wie Augenrollen, Gesicht vom Gesprächsteilnehmer abwenden, rhythmische Schaukelbewegungen, Fingerspiele und beim Gespräch in sich Zusammensinken an (vgl.
Hanke 1995 S. 118-119).
Die Bewegungsangewohnheiten, Blindisme, erklärt Lucas damit, dass Blinde ihrem Bewegungsdrang, den Sehende durch andere Bewegungsarten ausleben können, hierdurch nachgehen (vgl.
Lucas 1979 S. 19). Des Weiteren fehle es Blinden an Möglichkeiten der Selbstkorrektur durch Spiegel und Glasscheiben, auf welche Sehende zurückgreifen können (vgl.
Hanke 1995 S. 119). Durch diese Eigenarten grenzen sich Blinde von Sehenden ab(vgl.
Hanke 1995 S. 119). Auch Abel und Thorstensen sprechen, wie Hanke, blindentypische Marotten an, durch welche sie sich abgrenzen (vgl.
Abel / Thorstensen 1995 S. 68). Ein besonders "krasses" Beispiel ist, "in einer Unterhaltung den Arm auf den Tisch und den Kopf auf den Arm zu legen und somit Richtung Tischplatte zu sprechen". Interessanterweise bedienen sich Geburtsblinde allerdings auch Gesten und Mimiken, wie wir sie von Sehenden gewohnt sind (vgl.
Abel / Thorstensen 1995 S. 68). So hat laut Abel und Thorstensen der Humanethologe Eibl-Eibesfeld herausgefunden, dass blindgeborene Kinder bei Schamgefühl das Gesicht hinter ihren Händen verstecken würden. Diese Geste beobachtet man auch bei sehenden Kindern, weil sie meinen, sie würden nicht mehr gesehen werden, wenn sie ihre Augen verdecken. Obwohl diese Gestik für geburtsblinde Kinder keinen Sinn macht, führen sie diese aus. Auch verlegenes Wegschauen, Weinen und Lachen sind Ausdrucksbewegungen, welche anscheinend nicht erlernt, sondern angeboren sind, da sie von geburtsblinden Kindern ausgeführt werden.
Als Ziele für blinde Schüler und unsere Gesellschaft lassen sich am Ende dieses Abschnitts zusammenfassend folgende festhalten: Blinde müssen sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wahrnehmen und als solche wahrgenommen werden. Geburtsblinde und Früherblindete sollten zusammen mit Sehenden in ihrer vertrauten Umgebung (Familie, Wohnort) aufwachsen. Blinde Kinder müssen so speziell wie nötig, aber so normal wie möglich aufwachsen und betreut werden. Nur dann kann ihre ungewollte Sonderstellung, welche sie in unserer Gesellschaft trotz zahlreicher Integrationsversuche einnehmen, abgelegt werden. Das zentrale Ziel muss es sein, Blinde nicht nur über die Blindheit zu definieren. Die eigenständige Fortbewegung und Orientierung in der "normalen" Welt sind für Blinde eine wichtige Grundlage für Selbstachtung und ihr Selbstwertgefühl und schaffen die notwendige und erwünschte Unabhängigkeit von Sehenden.
Um die gegenwärtige Bedeutung des Internets für Blinde zu verdeutlichen, werfe ich zunächst einen Blick in die Vergangenheit und liefere einen historischen Abriss über die Entwicklung der Hilfsmittel (vor allem technischer Natur) für Blinde. Dabei wandere ich zunächst von der Antike bis ins elektronische Zeitalter, um dann die Entwicklungen des Informations- und Kommunikationszeitalters eingehend zu beschreiben.
Mit Blick auf Blindenschriften gibt es den Ausführungen Hilbergs zufolge schon früh in der Menschheit spezielle Kommunikationshilfsmittel für Blinde, wie Kerbstäbe bei den Ureinwohnern Australiens, die noch heute im Gebrauch sind, und Knotenschnüre bei den Inkas.
Im 19. Jahrhundert erkennt Charles Barbier de La Serre, dass der tastende Finger erhobene Punkte viel besser wahrnehmen kann als buchstabenförmige Erhebungen. Im Jahr 1819 entwirft er eine Punktschrift, welche die Grundlage für die heute bekannte Braille-Schrift darstellt. Dieses noch heute verbreitete 6-Punkte-Blindenschriftsystem wird 1825 von Louis Braille entworfen. Braille war Schüler der 1784 eröffneten Pariser Blindenbildungsanstalt (vgl.
Hilberg 1989 S. 7). Um 1900 herum setzt sich die Braille-Schrift in Europa durch, da über sie schnell und sicher Darstellungen ertastet werden können. Des Weiteren lässt sie sich mit den 63 Zeichen auf alle alphabetischen Sprachen anwenden.
In Bezug auf die Fortbewegung blinder Menschen erklärt das Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung:
Früher wurden blinde Menschen meist von Sehenden geführt oder bewegten sich in ihrer unmittelbaren vertrauten Umgebung vorsichtig tastend fort (vgl.
Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung 2001 S. 21).
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird der Aktionsradius blinder Menschen durch Blindenführhunde erheblich vergrößert (vgl.
Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung 2001 S. 21).
Durch die elektronische Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erweitern sich die Möglichkeiten für Blindengeräte. Schopper weist 1969 in dem Magazin "horus" auf den Elektro-Brailler hin (vgl.
Schopper 1969 S. 31). Dieser kann nicht nur mit der Punktschriftbogenmaschine, sondern auch mit einer normalen Schwarzdruckschreibschine verwendet werden.
Die Kommunikationssituation der Blinden im Jahr 1971 schildert J.C. Swail (vgl.
Swail 1971 S. 5). Swail konstatiert, dass es für Blinde immer noch nicht möglich ist, die eigene Post zu lesen. Sie müssen dabei "auf den freiwilligen Vorleser" hoffen. Auch irgendein Buch schnell zu erhalten ist für Blinde schwierig. Alle Weiterentwicklungen im Bereich der Lesehilfen sind für die "Bedürfnisse eines angespannten Berufstätigen" nicht geeignet (vgl.
Swail 1971 S. 6). Für diese Zielgruppe bietet nach Swails Auffassung im Jahr 1971 der Computer, der mehrere Eingabeformen ermöglicht, die Lösung des Problems. Swail wünscht sich eine Verbreitung des Computers. Aufgrund der hohen Kosten schlägt er zentrale Bildungseinrichtungen vor, wie Bibliotheken und Schulen, in denen Computeranlagen für blinde Menschen bereit stehen sollten. Im Jahr 1971 sind die wichtigsten Hilfsmittel noch "Braille-Druck, Hörbücher und freiwillige Vorleser", aber der Fortschritt der Technik lässt Swail hoffen, dass Blinde beim Lesen bald fast völlig unabhängig agieren können.
Im Jahr 1982 scheint nach den von Hilberg zitierten Ergebnissen einer Infratest-Statistik das Telefon das wichtigste Kommunikationshilfsmittel zu sein (vgl.
Hilberg 1989 S. 14). Es ist in 86 Prozent der Blindenhaushalte zu finden. Durchschnittlich zwei Mal am Tag telefonieren Blinde. Als Informationsquelle für aktuelle Tagesereignisse nutzen 94 Prozent der Blinden das Radio, 59 Prozent das Fernsehen und 47 Prozent die Tagespresse. Allerdings, so weist Hilberg bei der Wiedergabe der statistischen Zahlen darauf hin, werden diese Ergebnisse durch die hohe Anzahl der Altersblinden beeinflusst, von denen die meisten nicht die Punktschrift beherrschen und deshalb auf die akustische Kommunikation zurückgreifen müssen.
In den 80er Jahren scheinen sich die Medien und dadurch auch die Welt zu verändern: Das Informations- und Kommunikationszeitalter bricht an, welches sich in den 90er Jahren entfalten wird. Von der "veränderten Welt" spricht Liechti bei seinen Ausführungen über das "Blindsein in unserer modernen Medienkultur" 1988 auf dem Blindenlehrer-Kongress (vgl.
Liechti 1988 S. 261). Die Computertechnologie würde für die Umstrukturierung unserer Kommunikationswelt sorgen. Liechti plädiert dafür, Medienpädagogik zum Thema der Blindenschulen zu machen, damit blinde Schüler den verantwortungsvollen Umgang mit Information und die unterschiedlichen Rezeptionsmöglichkeiten von Medieninhalten erlernen können (vgl.
Liechti 1988 S. 273).
Hilberg bewertet die Kommunikationssituation der Blinden im Jahr 1988 folgendermaßen (vgl.
Hilberg 1989 S. 43). Komplexe Computerarbeitsplätze bieten Blinden viele Möglichkeiten, nehmen allerdings auch viel Platz ein. Der Blinde hat über seinen Computerarbeitsplatz die Möglichkeit, seine eingegebenen Texte sowohl in Braille- als auch in Schwarzschrift auszudrucken. Geübte Blinde können auf der normalen Tastatur genauso schnell tippen wie auf der Brailletastatur. Bei den Brailledruckern stellt sich die Papierzufuhr für Blinde als Problem dar. Die haptische (über den Tastsinn) bzw. schriftliche Kommunikation hängt sehr von den Punktschriftkenntnissen der Kommunikationspartner ab. Für einen Blinden ist es möglich, mit einem Sehenden schriftlich zu kommunizieren, wenn der erstere in der Lage ist, über den Computer Schwarzschrifttexte zu erzeugen. Allerdings sind die Kosten für blindenspezifische Hilfsmittel zum Drucken für die meisten Blinden zu hoch. Eine häufig genutzte Alternativgölmkädvge sind Kassetten mit aufgezeichneter Sprache, die dann zwischen blinden und sehenden Kommunikationspartnern ausgetauscht werden.
Probleme treten hierbei auf, wenn man sich während der Aufzeichnung in einer lauten Umgebung befindet oder sich beim Abspielen mit anderen Personen in einem Raum befindet, die dann alle mithören können. Das sind die Gründe, warum doch viele Blinde, wenn möglich, auf die haptische Kommunikation zurückgreifen. Ein wichtiges Hilfsmittel für Notizen unterwegs ist auch im Jahr 1988 die kleine Schreibtafel, in denen mit einem Griffel die Punktschrift eingestanzt wird (vgl.
Hilberg 1989 S. 14). Da dieses Hilfsmittel sehr langsam ist, bemühen sich Firmen seit einigen Jahren elekronische Notizgeräte möglichst klein und tragbar zu gestalten. Allerdings sind diese noch nicht sehr komfortabel.
Die wichtige Rolle, die der EDV-Bereich als informations- und kommunikationstechnisches Hilfsmittel bereits im Jahr 1988 eingenommen hat, erläutert Kalina in einem Beitrag (vgl.
Kalina 1988 S. 176). Er beschreibt die Kommunikationssituation folgendermaßen.
(...): heute können Blinde vielfach mit der gleichen Standardsoftware arbeiten wie Sehende - ein vom Integrationsstandpunkt aus gesehen sehr wichtiger Umstand(vgl.
Kalina 1988 S. 176).
Diese Situation der gleichberechtigten EDV-Nutzungsmöglichkeit ist allerdings durch eine Weiterentwicklung bedroht: die grafische Benutzerführung. Zum technischen Verständnis muss man wissen, dass man den Computer in den Anfangsjahren über Textbefehle, die zeilenweise eingegeben wurden, gesteuert hat (Stichwort MS-DOS). Dies war eine ideale Grundlage für Blinde, um über Braillezeile oder Sprachausgabe den Text einzugeben bzw. zu erfassen (vgl.
Kalina 1988 S. 176). Im Jahr 1988 erkennt Kalina einen Trend zur grafischen Darstellung und nennt das "WYSIWYG-Prinzip", wobei die Abkürzung für "What you see is what you get" steht, was bedeutet, dass man z.B. einen Text schon am Bildschirm mit all seinen Formatierungen sieht, so, wie er dann auf dem Ausdruck erscheint. Die Eingabe erfolgt dabei neben der Tastatur zunehmends über die Maus.
Was für Sehende eine Vereinfachung darstellt, ist für Blinde ein Problem, da sich die Brailleausgabe nicht mit der Grafik verträgt. Die Situation, in der Sehende und Blinde mit der gleichen Standardsoftware arbeiten können, könnte durch die grafische Benutzerführung beendet werden. Kalina stellt in Frage, ob es in Zukunft noch EDV-Anwendungsbereiche geben wird, in denen die Grafik keine beherrschende Rolle spielen wird und weist darauf hin, dass es noch keine konkreten Lösungsansätze für das Problem der Grafiken gibt (vgl.
Kalina 1988 S. 177).
Im Jahr 1988 startet bundesweit an sechs Schulen ein Modellversuch mit dem Titel "Moderne Kommunikationstechniken im integrativen Unterricht mit Blinden und hochgradig Sehbehinderten", kurz MOFIBS (vgl.
Lindner 1989 S. 130). Das Hauptziel des Modellversuches ist es, die Dauer der Bearbeitung eines Textes in Punktschrift auf ein Minimum zu senken (vgl.
Lindner 1989 S. 131). Als wichtige Grundlage des Versuchs wird eine elektronische Datenbank entwickelt. Für das Scannenvon Texten wurden OCR-Lesegeräte und ICR-Software verwendet. Das Scannen von gefaxten Dokumenten gestaltet sich aufgrund der schlechten Druckqualität als schwierig. Auch die Übertragung von digitalisierten Texten über ein Modem ist aufgrund der langsamen Geschwindigkeit und den dadurch resultierenden hohen Telefonkosten unbefriedigend (vgl.
Lindner 1989 S. 132). Durch diese geschilderten Erkenntnisse erhalten wir einen weiteren Einblick in die technischen Möglichkeiten im Jahr 1988.
Das in den 80er Jahren begonnene Informations- und Kommunikationszeitalter entfaltet sich in den 90er Jahren durch neue Technologien. Die Verbreitung von Schlagworten wie "Mailbox", "Telekommunikation" und "Multimedia" läuten den Einzug des Internets ein. Anfang der 90er findet das Internet allerdings noch keine große Beachtung, sondern wird nur als eine Möglichkeit unter vielen genannt.
Im Jahr 1992 berichtet Kalina über den neuen Telekommunikationsservice BLISTA-Mailbox (vgl.
Kalina 1992 S. 118). Dieser Informations- und Kommunikationsservice wurde von der Deutschen Blindenstudienanstalt Marburg (BLISTA) in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung Wiesbaden (HIBS) eingerichtet. Eine Mailbox beschreibt Kalina als Computer, der über ein Modem mit anderen Computern Daten austauschen kann. Die Mailbox-Nutzer können mit anderen Teilnehmern persönliche Nachrichten austauschen. Der Vorteil im Vergleich zur Punktschrift ist, dass die Mailbox von Blinden und Sehenden gleichermaßen als Kommunikationsinstrument genutzt werden kann. Die Blinden benötigen, so Kalina weiter, neben einem Computer Zusatzgeräte wie Punktschriftzeile und Sprachausgabe. Die Nutzer können die Mailbox aber auch zum Informationsabruf nutzen. Es gibt thematisch gegliederte "Schwarze Bretter", in das jeder Informationen wie Veranstaltungshinweise, Kleinanzeigen oder auch Unterrichtsmaterialien und Softwareprodukte veröffentlichen und abrufen kann.
Mehrere Mailboxen können miteinander vernetzt werden und diese wiederum können an weitere, bereits bestehende Netze angeschlossen werden (vgl.
Kalina 1992 S. 119). Als Beispiele nennt er die Netze MagicNet, PC-Net, Zerberus-Netz und das HIBS-Netz, an welches auch die BLISTA-Mailbox angeschlossen ist. Kalina betont, dass die BLISTA-Mailbox zunächst ein Versuch ist und mögliche Erweiterungen von der Resonanz abhängen (vgl.
Kalina 1992 S. 120). Als interessante Ausbaumöglichkeiten des Dienstes führt Kalina die Nutzung von Bildschirmtext (BTX) oder den Zugang zu internationalen Telekommunikationsnetzen wie CAMPUS 2000 oder zu weltweiten Netzen "im wissenschaftlichen Bereich wie z.B. BITNET und INTERNET". Diese Ausführung Kalinas verdeutlicht, dass zu Beginn der 90er Jahre das Internet ein Netz unter vielen war - ohne führende Position.
Auch im Jahr 1994 wird das Internet als eine Technologie neben anderen behandelt. Weiss erläutert in seinem Beitrag intelligente Kommunikationshilfen für Blinde (vgl.
Weiss 1994 S. 12-13). Die thematisierten Hilfen beziehen sich auf den Bereich der Texterkennungssoftware. Bisher, so Weiss, muss ein Blinder den eingescannten Text Zeile für Zeile durcharbeiten. Durch die im Projekt PASCAL 2000 entwickelte "intelligente Kommunikationshilfe" soll es bald möglich sein, dass der blinde Nutzer den Text über konkrete Befehle durchgehen kann wie z.B. "Nenne mir den Absender!" oder "Handelt es sich um eine Rechnung?".
Heuer gibt, ebenfalls im Jahr 1994, einen "Überblick über die Chancen der elektronischen Telekommunikation für Sehgeschädigte" und erwähnt, wie Weiss, das Internet als eine Möglichkeit unter vielen (vgl.
Heuer 1994 S. 141). Zunächst widmet er sich der Möglichkeit der Verkopplung von privaten PCs, um z.B. den Chat-Modus, auch "Schwatz-Modus" genannt, zu nutzen (vgl.
Heuer 1994 S. 142). Diese technologische Möglichkeit wird nach Heuers Ansicht häufig unterschätzt. Als zweite Möglichkeit geht er auf die Mailbox-Systeme ein, welche einen schnellen Datenaustausch ermöglichen. Überschätzt wird seiner Meinung nach in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Mailboxen als Informationsträger.
Als weitere elektronische Telekommunikationsmittel führt Heuer die Netze der Telekom, Datex-J (BTX) und Datex-P auf. Der Vorteil von BTX liegt in der Fülle von Informationen. Der Nutzer kann auf über 700.000 Informationsseiten von über 3.000 Anbietern zurückgreifen (vgl.
Heuer 1994 S. 143). Bei dieser Menge an Informationen könnte sich der Nutzer im ersten Moment erdrückt fühlen, allerdings wird dieser schnell merken, dass nur wenige Informationen für ihn von Interesse sind. Ein praktischer Service für Blinde stellt der Homebanking-Service mit BTX dar (vgl.
Heuer 1994 S. 143). Dieser Service ist ein großer Schritt in Richtung unabhängiger Lebensführung, da Blinde über ihn z.B. Kontoauszüge vorlesen lassen und eigenständig Überweisungen tätigen können. Heuer bringt es auf den Punkt: "BTX ermöglicht das Bankgeheimnis erstmals auch für Blinde". Der große Nachteil von BTX liegt in der langsamen Datentransfergeschwindigkeit von 2.400 Baud, die einen schnellen Textdaten- und Programmtransfer nicht ermöglichen (vgl.
Heuer 1994 S. 142).
Ein weiterer Nachteil sind die hohen Gebühren, welche die Verbreitung individueller Postfächer verhindern. Die hohen Gebühren sind für Blinde besonders ärgerlich. Bei dem Datex-P-Netz, auf welches Heuer nur kurz als Hilfsmittel-Möglichkeit eingeht, wird über Grund- und Nutzungsgebühr abgerechnet. Es bietet ebenfalls, wie BTX, die Zugriffsmöglichkeit auf unterschiedliche Netze, wie z.B. JURIS mit juristischen Informationen. Das Telefax erfreut sich laut Heuer "gerade in den letzten Jahren einer rasant steigenden Beliebtheit" (vgl.
Heuer 1994 S. 143). Vor allem als Sender erhalten Blinde mit dem Telefax interessante neue Kommunikationsmöglichkeiten. Ohne fremde Hilfe kann ein Blinder einen Text erstellen und innerhalb weniger Sekunden an einen Sehenden, der sich fernab vom Entstehungsort befindet, senden. Die Möglichkeit der "elektronischen Fernkopie" wird nicht nur beruflich, sondern auch privat genutzt. Täglich werden tausende Faxe versendet, so Heuer. Beim Fax ist eher der Empfang für Blinde problematisch. Die gedruckten Fax-Inhalte müssen mittels Scannen und OCR-Software (OCR-Optical Character Recognition) digitalisiert werden. Die Resultate stellen sich aufgrund von minderer Druckqualität und schlechter Vorlagen, wie Handschriftliches, als unbefriedigend dar. Als weitere Alternative für den Informationsabruf erwähnt Heuer die Technik Videotext, welche ein sehr vielseitiges und vor allem aktuelles Informationsangebot bereitstellt (vgl.
Heuer 1994 S. 144). Sehende können diesen Service über Fernsehapparate nutzen. Blinde erhalten über einen Video-Adapter, der 500 DM kostet, Zugriff auf den Videotext-Dienst.
Das Videotext-Sytem können die Nutzer bisher allerdings nur als Rezipient und nicht als Kommunikator nutzen. Der große Vorteil liegt laut Heuer in der preisgünstigen Nutzungsmöglichkeit, da neben den Kabelanschlussgebühren keine weiteren Nutzungsgebühren anfallen. Erst nach den oben aufgeführten sechs Technologien greift Heuer die Computer-Netze auf und zieht als Beispiel das Internet und das Bitnet aus dem "Hochschulbereich" heran (vgl.
Heuer 1994 S. 144). Wie auch bei den Mailboxen und bei BTX kann der Nutzer über das gewöhnliche Telefonnetz einen Zugang erhalten. Komfortabler sei allerdings ein Direktzugang mittels Standleitung, wodurch Übertragungsgeschwindigkeiten von über 64 Kilobyte (KB) pro Sekunde erreicht werden können. Gerade diese Geschwindigkeit stellt einen großen Vorteil gegenüber der Mailbox, Datex-J (BTX) und Datex-P dar. Des Weiteren sind die Nutzungsmöglichkeiten vielseitig: Den Austausch von Text- und Programm-Dateien, das Mitteilen von Nachrichten an einen oder mehrere Adressaten, die Verwaltung von riesigen Softwarepaketen auf einem Server, die Nutzung von themenspezifischen Nutzergruppen (user groups) und die Verfügbarkeit von umfangreichem Recherchematerial ermöglichen Computernetze wie Internet und Bitnet.
Wie bereits erwähnt ist die hohe Übertragungsgeschwindigkeit der große Vorteil des Internets. Diese resultiert u.a. daraus, dass über eine Million Rechner zu einem Netzwerk zusammen geschlossen sind. Ein weiterer Vorteil des Internets ist, dass man über dieses Netz Zugang zu den sogenannten Gopher-Systemen, weltweit zugängliche und für Recherche-Zwecke hilfreiche Datenpools, erhält. Der große Nachteil der Computernetze ist der hohe Preis zur Anmietung von Standleitungen, der sich im 5- bis 6-stelligen DM-Bereich bewegt (vgl.
Heuer 1994 S. 145). Aus diesem Grund kommen diese Netze im Privatleben kaum zum Einsatz. Neben der oben wiedergegebenen Übersicht über die technischen Hilfsmittel liefert Heuer mit Blick in die Zukunft vier grundsätzliche Thesen, welche die "Relevanz und Tragweite des Themas Telekommunikation für Sehgeschädigte" verdeutlichen sollen (vgl.
Heuer 1994 S. 141-142).
Im Jahr 1994 stand das Internet noch im Schatten von Telefax, Videotext, BTX und lokalen PC-Netzwerken. Heuer räumt den weltweiten Computernetzen wie Bitnet und Internet keine Marktchancen ein - siehe oben und (vgl.
Heuer 1994 S. 145). Das technologische Potenzial des Internets, vor allem aufgrund der schnellen Datentransfergeschwindigkeit, ist zu diesem Zeitpunkt zwar offensichtlich, allerdings verhindern die hohen Kosten für die Standleitung die Verbreitung unter Privatanwendern. Dies wird sich ändern, wodurch das Internet wider Heuers Vermutung eine starke Verbreitung erfahren wird. Doch mit seiner vierten These (siehe oben) lag Heuer richtig, denn kurz nachdem das Internet als Medium ein großes Thema wurde, wurde es von dem Aspekt fehlender "Barrierefreiheit" der Internetseiten eingeholt und es ging fortan vor allem um Barrieren, welche den Informations- und Kommunikationszugang u.a. für Blinde erschweren - siehe oben und (vgl.
Heuer 1994 S. 145).
Den großen Veränderungsprozess durch das Informationszeitalter, den Liechti 1988 ankündigte, bestätigt Hertlein zehn Jahre später ebenfalls beim Blindenlehrer-Kongress mit Blick auf die vergangenen Jahre (vgl.
Liechti 1988 S. 261-273), (vgl.
Hertlein 1998 S. 517-533). Das Erfassen und Verteilen von Informationen "boomt", wodurch neue Berufsfelder entstehen, so Hertlein.
Waren noch vor Jahren Fernsehen, Rundfunk, Schallplatte, Kassette, Tageszeitung und Illustierte sowie das Buch die wesentlichen Quellen von Information, Gespräch, Telefon und Brief die wesentlichen Quellen von Kommunikation, so nehmen heute zunehmend computergesteuerte Informations- und Kommunikationstechnologien immer größeren Raum ein (vgl.
Hertlein 1998 S. 517).
Kinder wachsen mit den neuen Medien auf, meint Hertlein. Seine Tochter setzte sich schon mit fünf Jahren an den Rechner, schrieb Texte und malte Bilder(vgl.
Hertlein 1998 S. 517). Ausbildung, Beruf und Freizeit werden zunehmend von den neuen Technologien geprägt. Ohne Zugang zu diesen Informationen ist eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nur schwer vorstellbar. Ohne Kenntnisse im Umgang mit dem Computer ist eine Berufsausbildung und Berufsausübung nicht mehr möglich. Hertlein fordert von den Schulen, dass sie sich auf diesen Prozess einstellen und an die sehgeschädigten Kinder Computerkenntnisse vermitteln. Neben Ausweitung der Kompetenzen muss für die notwendigen technischen Voraussetzungen gesorgt werden, d.h. Sprachausgabe, Braillezeile und Großschriftsystem müssen den jeweiligen Soft- bzw. Hardwarekonfigurationen angepasst sein. Auch im Individualfall muss die notwendige computertechnische Technologie beschaffen werden (vgl.
Hertlein 1998 S. 508). Versäumnisse auf diesem Gebiet könnten sich "katastrophal" auswirken. Er verweist auf den Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes, welches die Benachteiligung Behinderter verbietet (S. 501). Es muss dafür gesorgt werden, dass Blinde und Sehbehinderte beruflich und gesellschaftlich eingegliedert sind (S. 508).
Im Jahr 1999 prognostiziert Hanke bereits das Ende der Internetzugänglichkeit für Blinde und Sehbehinderte (vgl.
Hanke 1999 S. 22). Hanke zählt Techniken auf, welche Sehgeschädigte schon heute vom Internetangebot ausgegrenzen. Dazu gehören Grafiken, Frames, JavaScript und Java. Hanke verweist, wie auch Hertlein (s.o.), auf das Grundgesetz. Neben Artikel 3 führt Hanke zusätzlich Artikel 5, nämlich das Recht auf freien Zugang zur Information, an (vgl.
Hanke 1999 S. 22). Hanke stellt folgende Forderungen an Internetanbieter (S. 23):
Den Aufwand für die barrierefreie Gestaltung von Internetauftritten schätzt ein sachkundiger Pressesprecher eines Blindenverbandes, Jens Bertrams, nach Angaben von Hanke gering ein (vgl.
Hanke 1999 S. 23). Es muss oft nur eine einzige zusätzliche Textseite erstellt werden, was kaum mehr als eine Stunde dauert. Um in der Öffentlichkeit auf die Problematik der Barrierefreiheit aufmerksam zu machen, wurde der "Gordische Knoten" als Prämierung besonders guter und besonders schlechter Beispiele von Internetangeboten ins Leben gerufen, so Hanke (vgl.
Hanke 1999 S. 23). Im Jahr 1998 wurde u.a. der WDR als erster für die vorbildliche behindertengerechte Gestaltung seiner Internetseiten gekürt.
Drolshagen weist 1999 im Rahmen eines bundesweiten Erfahrungsaustausches behinderter Studierender ebenfalls auf die widersprüchliche Entwicklung des Internets hin: Auf der einen Seite stellt das Internet eine interessante Informationsquelle für blinde, seh- und mobilitätsbehinderte Studierende dar(vgl.
Drolshagen 1999 S. 195). Diese Gruppe hat es generell schwer, über herkömmliche Wege (Bibliothek u.ä.) an Informationen zu kommen. Mit dem Internet könne sie ohne fremde Hilfe und ohne große Mühe nach Literatur recherchieren. Andererseits scheint dieser "Nachteilsausgleich" durch die derzeitige Gestaltung der Internetseiten wieder rückgängig gemacht. Spaltendarstellungen, fehlende Grafikbeschriftungen und unübersichtliche Suchmenüs verhindern die Möglichkeit der Recherche.
Hellbusch führt die rasante Entwicklung der Web-Technologien als Grund für die entstandenen Kompatibilitätsprobleme heran (vgl.
Hellbusch 2000a S. 16). Schon mit älteren Browsern oder mit geringen Bildschirmauflösungen kann es
- unabhängig vom Blindsein - zu Problemen kommen, wenn man modern programmierte Internetseiten betrachten möchte. Auch nach Ansicht von Warnke, der sich in einem Interview mit dem Fachmagazin c't äußert, stellt sich die technologische Entwicklung für Blinde und Sehbehinderte widersprüchlich dar.
Theoretisch werden uns zwar neue Tätigkeitsfelder eröffnet, aber spezielle PC-Anwendungen müssen erst mit größtem Aufwand an unsere Hilfsmittel angepasst werden (vgl.
Warnke 2000 S. 201).
Nachdem der PC in den 80ern vielen Sehgeschädigten eine Möglichkeit eröffnet hat, aktiv ins Berufsleben einzusteigen, erschwert ihnen die nun komplexer werdende Computer- und Internettechnologie zunehmends den Einsatz der notwendigen Hilfsmittel. Diese widersprüchliche Entwicklung möchte ich anhand folgender Abbildung veranschaulichen.
Abb. 05: Schere der abnehmenden Chancengleichheit Der EDV-Bereich mit der textbasierten und zeilenweisen Befehlseingabe eröffnet Sehgeschädigten und Blinden Ende der 80er gleiche Chancen. Grafische Benutzeroberflächen halten aber langsam Einzug, die Möglichkeiten nehmen einserseits zu (verdeutlicht durch die dicker werdende Linie), aber während die Sehenden eine vereinfachte Bedienungsmöglichkeit erhalten, wird es für Sehgeschädigte schwerer, ihre Hilfsmittel einzusetzen. Mailboxen und kurz danach das Internet bieten weitere neue Nutzungsmöglichkeiten, aber die Chancengleichheit scheint bei der Bedienungsmöglichkeit weiter abzunehmen. Die Schere geht wieder auseinander. Die weitere Entwicklung bzgl. der Gleichberechtigung ist unklar (gestrichelte Linie).
Bereits im Jahr 1996 setzten sich Interessensvertreter von Blinden- und Sehbehindertengruppen mit den Folgen der Informationsgesellschaft auseinander. Die Rufe nach einem barrierefreien Zugang zu allen Medien wurden mit jedem Jahr lauter. Spätestens im Jahr 1999, also noch im selben Jahr, in dem Hanke den Untergang des Internets als Informationsmedium für Blinde heraufbeschwört (siehe Kapitel "Die widersprüchliche Entwicklung des Internets"), wird die Richtung zum "Barrierefreien Webdesign" offiziell eingeschlagen (vgl.
Hellbusch 2001 S. 224). Hellbusch weist auf die Zugänglichkeitsrichtlinien der Web-Accessibility-Initiative (WAI), ein Organ des World Wide Consortiums (W3C), hin, welche 1999 veröffentlicht wurden und damit eine Grundlage für alle weiteren Forderungskataloge darstellen werden (vgl.
Hellbusch 2001 S. 224), (vgl.
Hellbusch 2000b S. 215). Doch der Einzug des barrierefreien Webdesigns steht immer noch am Anfang. Im Jahr 2000 konstatiert Hellbusch, dass im Internet zunächst nur die Massen bedient werden.
(...) das heißt, die Programmierung hebt auf einen Durchschnitt ab, was mit 90 % beziffert werden kann. Die restlichen 10 %, und dazu gehören auch Sehbehinderte und Blinde, haben oft zunächst das Nachsehen (vgl.
Hellbusch 2000a S. 16).
Eine Ursache liegt darin, dass Webdesigner nach Angaben von Hellbusch oftmals gar nicht wissen, "dass Blinde und Sehbehinderte überhaupt mit einem Computer umgehen können" (vgl.
Hellbusch 2000b S. 215). Die meisten der Webdesigner kennen die Hilfsmittel wie Screenreader, Braillezeile und Sprachausgabe nicht. Für sie ist der Bildschirm der einzige relevante Ausgabemodus und die Maus das wichtigste Eingabegerät.
Unwissen ist nach Hellbuschs Ansicht das Hauptkriterium für die langsame Umsetzung der 1999 veröffentlichten Richtlinien der WAI (siehe oben), denn die barrierefreie Gestaltung ist nicht schwer und muss auch nicht teuer sein (vgl.
Hellbusch 2000b S. 218).
In den folgenden Jahren entwickelt sich "Barrierefreies Webdesign" zu einem großen Thema. Durch Arbeitsgruppen, Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit unterschiedlicher Interessensgruppen von Blinden und Sehbehinderten nimmt die Multimedia-Branche die Problematik wahr (vgl.
Warnke 2000 S. 201). Webdesigner kommen auf die Verbände zu und wünschen Aufklärung. In Blinden-Zeitschriften wird näher beleuchtet, auf was Webdesigner bei der barrierefreien Gestaltung achten müssen. Während Hanke 1999 in seinem Beitrag noch drei Punkte für den Bereich Webdesign forderte - spezielle Navigationsseite, beschriftete Grafiken und sehbehindertengerechte Farbgebung - wachsen die von Interessensvertretern und Experten aufgeführten Forderungskataloge nach und nach an. Das mag zum Einen mit der Veröffentlichung der WAI-Richtlinien im Jahr 1999 (siehe oben), aber auch mit der Weiterentwicklung der Website-Erstellung, welche neue Barrieren nach sich zieht, zusammen hängen. Grote zählt im Jahr 2000 folgende Barrieren auf (vgl.
Grote 2000 S. 57-58):
Im Gegensatz zu Hanke, erwähnt Grote die Punkte JavaScript und Java nicht. Sein Lösungsvorschlag fällt allerdings umfangreicher als der von Hanke aus: Websites sollen parallel zur grafischen Version einen Textmodus als Alternative beibehalten(vgl.
Grote 2000 S. 58). Allerdings, so befürchtet Grote, könne solch eine Forderung ohne Unterstützung des Gesetzgebers nicht durchgesetzt werden.
Warnke fordert ebenfalls: Jede Information müsse auch textbasiert zur Verfügung stehen (vgl.
Warnke 2000 S. 202). Warnke geht noch auf eine andere Barriere ein: die besonderen Kenntnisse, welche Blinde und stark Sehbehinderte besitzen müssen, wenn sie den Computer nutzen und im Internet surfen möchten. Um die Herausforderung mit anderen Bereichen zu vergleichen, zieht Warnke die Weltraumfahrt heran.
Vielleicht ist die Weltraumfahrt eine vergleichbare Herausforderung, wenn man bedenkt, dass Blinde und Sehbehinderte den Windows-Bildschirm hochkonzentiert mit sehr viel Hightech erforschen und oftmals in für sie noch "unerreichte" Regionen zeilenweise vorstoßen (vgl.
Warnke 2000 S. 202).
Die Beherrschung der Hilfsmittel stellt demzufolge sehr große Herausforderungen an die blinden Nutzer. Wie schwierig es sein kann, als Mensch mit Behinderungen das Internet-Angebot zu nutzen, zeigt auch eine Studie der Nielsen Norman Group (NNG), welche im Jahr 2001 veröffentlicht wurde, und deren Ergebnisse Hellbusch wiedergibt (vgl.
Hellbusch 2001 S. 224). Bei dem Test benötigten Screenreadernutzer für die Bewältigung vorgegebener Aufgaben mehr als doppelt so viel Zeit wie Nicht-Behinderte. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass neben den Ergebnissen keine Angaben über die Fähigkeiten der Probanden gemacht wurden, diese aber eine große Rolle spielen.
Einen großen Schub erfährt das Thema "Barrierefreies Webdesign" durch das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen, kurz Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), das am 1. Mai 2002 in Kraft tritt, und damit die Befolgung der Barrierefreie Informationstechnik Verordnung (BITV) auf Bundesebene vorgibt (vgl.
Hellbusch 2005b S. 39), (vgl.
Warnke 2004 S. 111). Bis zum 31. Dezember 2005 müssen alle Internetseiten der Behörden der Bundesverwaltung barrierefrei gestaltet sein (vgl.
Hellbusch 2005b S. 41 und S. 359). Diese Frist sorgt für eine regelmäßige Belebung des Themas. Die BITV hat die 1999 veröffentlichten WAI-Richtlinien (siehe oben) zur Grundlage. Die einzelnen Bedingungen der Verordnung behandle ich ausführlich im Kapitel "Vorgaben für barrierefreies Webdesign". Auch heute noch werden die Vorgaben der WAI-Richtlinien nicht von allen Webdesignern berücksichtigt. Noch im Jahr 2004 betont Warnke die Relevanz der WAI-Richtlinien (vgl.
Warnke 2004 S. 111) und vermerkt, dass diese immer noch "Maßstab für modernes Webdesign" sind (S. 112). Im Jahr 2005 erscheint ein Buch, das sich allein dem Thema "Barrierefreies Webdesign" widmet. Hellbusch geht auf 382 Seiten ausführlich auf die BITV und die Hintergründe ein und hat damit das erste Standardwerk zu diesem Thema geschaffen (vgl.
Hellbusch 2005b ).
Damit nicht nur von Behörden die Aspekte des Barrierefreien Webdesigns berücksichtigt werden, wird das Thema immer wieder auch in Bezug auf private und kommerzielle Angebote angesprochen. So spricht der Bundesverband für Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. eine Empfehlung zur Barrierefreiheit von E-Commerce-Shops aus und möchte damit Sensibilität von Shop-Betreibern für das Thema Barrierefreies Webdesign "schärfen" (vgl.
horus 2004 S. 259).
Es soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass das Internet nicht die einzige Technologie ist, die um die Jahrtausendwende mit der Forderung nach Barrierefreiheit konfrontiert wird. So führt Brass weitere Technologien auf, die von gegenwärtiger Bedeutung für sehgeschädigte Menschen sind: Pager, Bank- und Ticketautomaten, Chipkarten, Haushaltsgeräte mit Display und GPS (global positioning systems) (vgl.
Brass 2000 S. 56). Doch beim Internet sind die Rufe nach Barrierefreiheit besonders "laut". Das liegt sicherlich auch an dem großen Potenzial, welches es Nutzern bietet. Auf dieses gehe ich im folgenden Kapitel ein.
Das große Potenzial des Internets ist seine Vielfältigkeit, die sich in allen Bereichen widerspiegelt. So ermöglicht es Sehenden wie auch Blinden die beidseitige Kommunikation mit einem bis hin zu theoretisch Millionen Menschen. Der Internetnutzer kann die Rolle des Rezipienten oder auch die Rolle des Kommunikators einnehmen. Die Kommunikation findet unabhängig von Raum und Zeit statt. Die Nutzer können gleichzeitig kommunizieren (Chat) oder auch zeitversetzt (E-Mail). Die Kommunikationspartner können sich im gleichen Raum befinden (z.B. während der Arbeit) oder in unterschiedlichen Ländern. Der Nutzer entscheidet, ob er öffentlich kommunizieren (Internetauftritt, Newsgroup) oder eine Privatsphäre aufbauen möchte (E-Mail, Chat-Separée, Website-Login). Im Gegensatz zur personalen Kommunikation fallen Blinde im Internet nicht auf. Bei der personalen Kommunikation besitzen Blinde Defizite, da sie auf der einen Seite nicht alle nonverbale Botschaften der Kommunikationsteilnehmer wahrnehmen können und des Weiteren unbewusst und ungewollt durch blindenspezifische Verhaltensweisen (Blindismen) nonverbale Botschaften aussenden (siehe Kapitel "Bewegung, Mobilität, Orientierung und nonverbale Kommunikation"). Im Internet hingegen, z.B. bei E-Mails oder Chats können sich Blinde vollständig in die Internetgemeinschaft integrieren. Neben der Kommunikation steht der gezielte Informationsabruf zur Verfügung. Neben periodisch erscheinenden Informationen (Newsletter) und sekündlich aktualisierenden Nachrichtenseiten steht ein großer Informationspool bereit, mit dem sich keine Bibliothek der Welt messen kann. Vor allem die Suche nach sehr speziellen Informationen wird ermöglicht. Neben kommerziellen Diensten stehen auch Service-Möglichkeiten von Institutionen und Behörden zur Verfügung. Blinde können vom Rechner aus ihr Bankkonto verwalten, Rechnungen bearbeiten oder einkaufen. Auch im Bereich Unterhaltung wird der Nutzer online versorgt (Spiele, Humorseiten). Mit der unteren Tabelle gebe ich einen Überblick.
| Nonverbale Komm. | Schriftstücke | Zeitung | Radio | Fernsehen | Kassetten | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Kommunikation | beidseitig | einseitig | einseitig | einseitig | einseitig | beidseitig |
| Teilnehmer | 2 bis mehrere | 2 bis wenige | Massen | Massen | Massen | 2 bis wenige |
| Einschränkungen als Sehgeschädigt. | ja | ja | ja | - | ja | - |
| Extraanfertigungen notwendig? | - | ja | ja | - | ja | - |
| Technische Voraussetzungen? | - | - | - | gering | gering | gering |
| Besondere Fähigkeiten? | - | Punktschr. | Punktschr. | - | - | gering |
| Akustische Wahrnehmung | ja | ja | ja | ja | ja | ja |
| Haptische Wahrnehmung | nein | ja | ja | - | - | - |
| Informationsabruf | - | teilweise | ja | ja | - | - |
| Informationssuche | - | schwierig | - | - | - | - |
| Services | - | weniger | - | - | - | - |
| Unterhaltung | ja | - | ja | ja | ja | - |
| Privatgebrauch möglich? | ja | ja | ja | ja | ja | ja |
| Telefon | Telefax | (Blista) Mailbox | BTX | Internet (1994) | Internet (2000) | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Kommunikation | beidseitig | einseitig (für Blinde) | beidseitig | beidseitig | beidseitig | beidseitig |
| Teilnehmer | 2 bis wenige | 2 | 2 bis mehrere | mehrere | 2 bis mehrere | 2 bis Massen |
| Einschränkungen für Sehgeschädigt. | - | ja (beim Empfang) | - | - | - | ja |
| Extraanfertigungen notwendig? | - | ja | - | - | - | ja, teilweise |
| Technische Voraussetzungen? | gering | hoch | hoch | sehr hoch | sehr hoch | sehr hoch |
| Besondere Fähigkeiten? | - | hoch | hoch | hoch | hoch | sehr hoch |
| Akustische Wahrnehmung | ja | - | ja | ja | ja | ja |
| Haptische Wahrnehmung | - | ja | ja | ja | ja | ja |
| Informationsabruf | - | - | ja | ja | ja | ja |
| Informationssuche | - | - | ja (Themengruppen) | (700.000 Seiten) | ja (wenige Millionen Seiten) | ja (hundert-millionen Seiten) |
| Services | ja | wenige | wenige | einige | mehrere | sehr viele |
| Unterhaltung | - | - | wenig | wenig | einige | sehr viele |
| Privatgebrauch möglich? | ja | ja (teilweise) | eher nicht | eher nicht | nein | ja |
Abb. 06: Potenzial des Internets im Vergleich zu anderen Medien
Wie auch schon bei der BLISTA-Mailbox können über das Internet zwei Personen in intimer Atmosphäre, aber auch Massen von Menschen kommunizieren. Das World Wide Web ist eine gigantische Wissensquelle: Mehrere Milliarden Internetseiten gibt es im World Wide Web. Neben der Informationssuche stehen aber auch Services zu Verfügung. Auch bei der Art der Wahrnehmung wird der Nutzer von einer Vielfalt verwöhnt: Er kann zwischen Akustik und Haptik entscheiden. Allerdings sind die technischen und persönlichen Voraussetzungen im Vergleich zu anderen Medien sehr hoch.
Die Nutzungsmöglichkeiten und damit auch das Potenzial des Internets habe ich in den vorherigen Kapiteln eingehend erläutert. Ich wende nun das im vorigen Kapitel (1.3) erweiterte GS/GO-Modell auf die Internetnutzung Blinder an und strukturiere damit die bisher aufgeführten Aspekte systematisch. In diesem erweiterten Modell füge ich neue Begriffe hinzu und ergänze bestehende Formulierungen durch nähere Erläuterungen.
Die Spezifikationen des von mir erweiterten GS/GO-Modells erläutere ich im Folgenden. Wenn wir uns das Kapitel (2.2) über die Sonderstellung der Blinden in unserer Gesellschaft in Erinnerung rufen, lassen sich die sozialen und psychologischen Ursprünge der gegenwärtigen Erwartungen und Bewertungen des Internets von Blinden leicht erklären. Das zentrale Ziel der Blinden ist es, vollständig integriert in unserer Gesellschaft zu leben und "normale" soziale Kontakte, auch zu Sehenden, zu haben. Um dies zu erreichen, müssen und wollen sie die größtmögliche Unabhängigkeit von Sehenden erhalten und ihr Leben möglichst eigenständig führen. Das Internet stellt ein wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen dieser Ziele dar.
Abb. 07: Erweitertes GS/GO-Modell, angewendet auf die Internetnutzung von Blinden. Ein neuer Aspekt ist die Gestaltung des Internetangebots X, was durch den Hinweis "barrierefrei?" verdeutlicht werden soll.
Wie in Kapitel "Erweitertes GS/GO-Modell mit Blick auf das Internet" vermutet, sind für die Internetnutzung die Punkte "technische Voraussetzungen" und "persönliche Fähigkeiten" relevant. Die technischen Voraussetzungen für Blinde, um das Internet nutzen zu können, sind der Computer, Screenreader ("Brückensoftware"), die Braillezeile bzw. Sprachausgabe und ggf. weitere Hard- und Software. Eine Hürde stellen die persönlichen Fähigkeiten dar. Wie bei keinem anderen Medium bzw. Blindenhilfsmittel, verlangt die Internetnutzung dem blinden Nutzer spezielle Kenntnisse ab. Die Möglichkeiten der Internetnutzung hängen aber auch von der Gestaltung des Medienangebots X ab, also davon, ob es barrierefrei gestaltet ist. Die Frage, wann ein Internetangebot barrierefrei ist, wurde in der Diskussion anfangs unterschiedlich diskutiert (siehe Kapitel "Die Bewegung zum barrierefreien Webdesign"). Nach gegenwärtigen Expertenmeinungen scheint mit der Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV) die Frage verbindlich beantwortet zu werden.
Der Bereich der gesuchten und erhaltenen Gratifikationen wird in der Literatur unbefriedigend behandelt. In Nebensätzen werden einige dieser Gratifikationen genannt, so dass man davon ausgehen kann, dass diese von Blinden gesucht werden. Allerdings lassen sich kaum Erfahrungsberichte finden, die einen guten Einblick verschaffen, welche Gratifikationen bei blinden Schülern im Alltag eine wirklich relevante Rolle spielen. Die auftretenden Probleme werden ausführlich beschrieben, aber nicht, die Möglichkeiten, welche Blinde nutzen können. Des Weiteren bleibt ungeklärt inwieweit das Erhalten der Gratifikationen tatsächlich von technischen Voraussetzungen, persönlichen Fähigkeiten und zu guter Letzt von der Gestaltung des Medienangebots abhängig ist. Um die Relation dieser Aspekte und vor allem die tatsächliche Bedeutung der Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung beurteilen zu können, führe ich eine empirische Untersuchung durch, welche ich im Kapitel "Qualitative Studie" erläutere.
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